{"id":10067,"date":"2021-06-24T09:03:44","date_gmt":"2021-06-24T09:03:44","guid":{"rendered":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=10067"},"modified":"2026-07-27T12:58:36","modified_gmt":"2026-07-27T12:58:36","slug":"viele-aspekte-von-leitlinien-beruhen-haeufig-auf-erfahrungen-in-der-klinischen-routine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=10067","title":{"rendered":"\u201eViele Aspekte von Leitlinien beruhen h\u00e4ufig auf Erfahrungen in der klinischen Routine\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"mod-text\">\n<p><strong>Wie unterst\u00fctzen Leitlinien \u00c4rzte und \u00c4rztinnen im klinischen Alltag, wie profitieren Patienten und Patientinnen von ihnen und wie sieht der Prozess bei der Entstehung von Leitlinien aus, gerade wenn sie international ausgerichtet sind? Dar\u00fcber haben wir mit Professor Dr. Dr. Mike P. Wattjes vom Institut f\u00fcr Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Medizinischen Hochschule Hannover gesprochen. Professor Wattjes ist verantwortlicher Erstautor der neuen internationalen Empfehlungen zur Bildgebung bei Multipler Sklerose (MS). Die Empfehlungen werden sowohl von den europ\u00e4ischen als auch von den nordamerikanischen MS-Organisationen unterst\u00fctzt und sind in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Neurology ver\u00f6ffentlicht worden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Professor Wattjes, Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entz\u00fcndliche Erkrankung des zentra-len Nervensystems. Hierzulande sind rund 250.000 Menschen betroffen. Welche Rolle spielen die Radiologie und die Magnetresonanztomografie bei der Diagnostik und Behandlung von MS?<\/strong><br \/>\n<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Professor Dr. Dr. Mike P. Wattjes\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/cdn.drg.de\/media\/image\/26467\/25p\/MikePWattjes-Bildnachweis-Karin-KaiserMHH.jpg?ssl=1\" alt=\"\" \/>Professor Wattjes: Die Bildgebung durch die Magnetresonanztomografie (MRT, die Red.) bei der MS hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Fr\u00fcher war es so, dass die \u00e4lteren Diagnosekriterien noch auf fast rein klinischen und laborchemischen Befunden beruhten. Mit der Verbesserung der MRT und besonders deren breiter Verf\u00fcgbarkeit hat sie die Diagnose, aber auch die Verlaufsbeobachtung der MS quasi revolutioniert: Mit dem MRT kann man noch sensitiver vorgehen und Ver\u00e4nderungen im Gehirn und im R\u00fcckenmark darstellen, ohne dass der Patient klinische Symptome aufweist. Zum einen erm\u00f6glicht dies die Diagnose einer MS zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt, das hei\u00dft bei einem erstmaligen neurologischen Schub. Zum anderen ist dies besonders f\u00fcr die Verlaufsbeobachtung wichtig, denn man m\u00f6chte ja in der Therapie keine neue Krankheitsaktivit\u00e4t mehr sehen. Die M\u00f6glichkeiten des MRT geben dem Neurologen Hinweise, etwa ob die Medikamente, die der Patient beziehungsweise die Patientin einnimmt, effizient genug sind, oder ob die Behandlung verst\u00e4rkt und zu einer noch effektiveren Behandlung \u00fcbergegangen werden muss.<\/p>\n<p><strong>Sie haben nun gemeinsam mit Experten und Expertinnen aus verschiedenen L\u00e4ndern neue internationale Leitlinien zur Bildgebung bei MS in der klinischen Routinepraxis erarbeitet. Wie wichtig ist es, dass \u00c4rzte und \u00c4rztinnen auch international und nicht nur in Deutschland oder Europa bei dieser Krankheit nach einheitlichen Standards arbeiten?<\/strong><br \/>\nEs ist sehr wichtig, dass diese Standardisierung der MS-Bildgebung auf internationalen F\u00fc\u00dfen steht, denn wesentliche Fragen, die wir jetzt und in der Zukunft f\u00fcr MS-Patienten beantworten m\u00fcssen, sind abh\u00e4ngig von gro\u00dfen Datens\u00e4tzen und zwar von Datens\u00e4tzen, die standardisiert und damit vergleichbar sind, also wesentliche Pr\u00e4diktionsmodelle hinsichtlich der individuellen Krankheits-progression erlauben. Pr\u00e4diktionsmodelle kann man nur mit riesigen Datens\u00e4tzen entwickeln. Das Gleiche gilt bei der Vorhersage von Behandlungserfolgen von einzelnen Medikamenten, die auch nur mit gro\u00dfen Datens\u00e4tzen gelingen. Was den zuk\u00fcnftigen Einsatz automatisierter Bildauswertungsalgorithmen betrifft, sind wir auch von gro\u00dfen standardisierten Datens\u00e4tzen abh\u00e4ngig. Diese sind nur m\u00f6glich, wenn man sich medizinisch auf einen gewissen Grundstandard einigt \u2013 national und international.<\/p>\n<p><strong>Sind Sie bei der Entwicklung der Leitlinien zur Multiplen Sklerose Vorreiter oder haben Sie bereits vorhandene weiterentwickelt?<\/strong><br \/>\nDiese 2021-Leitlinien, die wir nun geschrieben haben, beruhen auf einer Weiterentwicklung von Leitlinien, die im Jahre 2015 und 2016 von unterschiedlichen Gruppen bereits vorgestellt worden sind. Diese Leitlinien sind nat\u00fcrlich st\u00e4ndig im Fluss, es gibt immer neue Entwicklungen bei MS, neue Medikamente kommen auf den Markt, die kontroverse Diskussion \u00fcber den Einsatz der Gadolinium-basierten Kontrastmittel et cetera. Insofern gab es mehrere Entwicklungen, die uns dazu veranlasst haben, die bestehenden Leitlinien zu revidieren und aufzufrischen. Dazu kommt, dass es uns ein gro\u00dfes Anliegen war, diese unterschiedlichen Leitlinien aus Europa und Nordamerika zu einer gro\u00dfen globalen Leitlinie zu homogenisieren.<\/p>\n<p><strong>Wie lange hat der Prozess der Leitbilderarbeitung bei Ihnen und der Gruppe von Experten und Expertinnen, mit der Sie zusammengearbeitet haben, gedauert?<\/strong><br \/>\nIch habe immer zu meiner Frau gesagt, es hat zwei Schwangerschaften gedauert, also 18 Monate. Es war eine sehr arbeitsintensive und aufregende Zeit und gegen Ende dieses Prozesses\u00a0 waren wir alle ein bisschen ersch\u00f6pft. Am Ende des Tages hilft einem nur das Wissen um die Verantwortung gegen\u00fcber den Patienten \u00fcber diesen anstrengenden und zeitraubenden Prozess hinweg. Aber Leitlinien sind wichtig \u2013 nicht prim\u00e4r f\u00fcr uns pers\u00f6nlich, sondern in erster Linie f\u00fcr die Patienten, f\u00fcr die Medizinentwicklung seitens der Pharmaindustrie sowie f\u00fcr Neurologen und (Neuro)Radiologen.<\/p>\n<p><strong>Multiple Sklerose ist zwar therapier-, aber nicht heilbar. Betroffene m\u00fcssen ein h\u00e4ufiges Monitoring und Verlaufskontrollen durchf\u00fchren lassen. Welche Empfehlungen geben Sie und Ihre Kollegen und Kolleginnen in den neuen Leitlinien etwa beim Thema Kontrastmittelgabe?<\/strong><br \/>\nDieses Thema war eine unserer Hauptmotivationen, um bestehende Leitlinien zu revidieren. Wir haben 2015 relativ unkritisch empfohlen, kontrastmittelverst\u00e4rkte T1-gewichtete Sequenzen als MRT Marker zu benutzen, um inflammatorische Krankheitsaktivit\u00e4ten zu dokumentieren und damit auch zu untersuchen, ob eine medikament\u00f6se Therapie effizient ist oder nicht. Doch wir haben nun die j\u00fcngste Diskussion um die Ablagerung von elementarem Gadolinium in der tiefen grauen Substanz zum Anlass genommen, diesen Aspekt zu revidieren. Wir sind jetzt der Meinung, dass man f\u00fcr viele Fragestellungen, insbesondere, was das Therapie-Monitoring betrifft, Kontrastmittel nicht mehr zwingend ben\u00f6tigt, weil wir eben mit anderen MRT-Parametern, mit den sogenannten aktiven T2-L\u00e4sionen, also mit neuen Entmarkungsherden, die auftreten, oder Entmarkungsherden, die 50 Prozent gr\u00f6\u00dfer werden im Vergleich zur Referenzuntersuchung, einen guten alternativen Marker haben, ohne auf Kontrastmittel zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es immer noch Indikationen, wo Kontrastmittel sinnvoll sind. Das gilt insbesondere f\u00fcr die Diagnose der MS. Aber f\u00fcr viele Indikationen, die die Verlaufsbeobachtung und das Therapie-Effizienz-Monitoring und das Sicherheitsmonitoring betreffen, sind Kontrastmittel nicht mehr zwingend notwendig und k\u00f6nnen eingespart werden.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnten Sie ganz generell beschreiben, wie die Diskussion und die Konsensfindung bei Leitlinien abl\u00e4uft, auch international?<\/strong><br \/>\nWichtig sind bei diesem Prozess mehrere Schritte, wobei die Vorbereitung der Konsensfindung das Entscheidende ist. Bei uns war es so, dass wir zun\u00e4chst ein Konzept erarbeitet haben, in dem die Themen aufgef\u00fchrt wurden, die einer m\u00f6glichen Revision bed\u00fcrfen. Dieses Proposal haben wir dann an die Leitlinienkommission verschickt, sodass sich jeder auf diese Konsensus-Findung vorbereiten konnte. Dann wurden die identifizierten Themen in einem Konsensus-Meeting besprochen und soweit wie m\u00f6glich evidenz-basiert diskutiert, Dieses Meeting hat 2019 in Graz stattgefunden. Entsprechend der Konsensus-Findung wurden alle diskutierten Aspekte dokumentiert.<br \/>\nNach dem zweit\u00e4gigen Konsensus-Meeting wurden die Ergebnisse in ein Manuskript eingearbeitet. Danach zirkulierte dieses Manuskript unter den beteiligten Mitgliedern der Leitlinienkommission. In dieser etwas l\u00e4ngeren Zirkulations- und Manuskriptphase wurden auch noch weitere neue Aspekte, die erst nach dem Konsensus-Meeting relevant wurden, in das Manuskript eingearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Wenn man bedenkt, wie lange es dauern kann, bis Leitlinien erstellt sind und wie rasant sich die Medizin in manchen Bereichen entwickelt, k\u00f6nnte sich die Frage der Aktualit\u00e4t stellen. Wie sch\u00e4tzen Sie dieses Thema ein?<\/strong><br \/>\nZu lange darf ein solcher Prozess nat\u00fcrlich nicht dauern, weil dann neue Aspekte und Themen relevant werden, welche dann wieder ber\u00fccksichtigt und eventuell eingearbeitet werden m\u00fcssen. In unserem Fall war das nicht dramatisch, denn Innovationen auf dem Gebiet der Bildgebung bei der MS passieren nicht von einem Tag auf den anderen. Bis neue bildgebende Methoden so validiert sind, dass sie letztendlich auch Eingang in die klinische Praxis finden k\u00f6nnen, dauert es zum Teil mehrere Jahre. Bei anderen Leitlinien kann das aber anders aussehen. Insbesondere bei Therapieleitlinien kann beispielsweise die Zulassung eines neuen Medikaments die Therapielandschaft komplett ver\u00e4ndern, sodass die entsprechenden Leitlinien umf\u00e4nglich aktualisiert und angepasst werden m\u00fcssen. Aber das war bei uns wie gesagt nicht der Fall.<\/p>\n<p><strong>Kritiker und Kritikerinnen monieren zuweilen, dass Leitlinien, auch wenn sie evidenzbasiert sind, von unzureichender methodischer Qualit\u00e4t sein k\u00f6nnen. Sie sehen darin die Gefahr, dass die in Leitlinien enthaltenen Empfehlungen bei ihrer Umsetzung nicht den gew\u00fcnschten Effekt einer besseren Versorgung von Patienten und Patientinnen erreichen. Wie sch\u00e4tzen Sie diese Kritik ein?<\/strong><br \/>\nDiese Kritik ist zum Teil berechtigt. Man kann Leitlinien h\u00e4ufig nicht ausschlie\u00dflich evidenzbasiert ausrichten, weil es f\u00fcr viele Aspekte nicht genug Evidenz, zum Beispiel keine Klasse-1-Evidenz gibt, um sie darauf begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen. Viele Aspekte von Leitlinien, und das schlie\u00dft auch unsere Empfehlung mit ein, beruhen h\u00e4ufig auf langj\u00e4hrigen Erfahrungen in der klinischen Routine. Dies wird zum Teil kontrovers diskutiert. Kritik an bestehenden Leitlinien sehe ich pers\u00f6nlich\u00a0 nicht negativ, denn in dem Moment, wo es Kritik an Leitlinien gibt, entsteht auch ein Dialog. Einen kritischen Dialog erfahre oder interpretiere ich als fruchtbar und motivierend, um die Dinge noch weiter zu verbessern. Leitlinien sind grunds\u00e4tzlich nicht der Goldstandard, sondern sie sollen Mediziner leiten und dabei unterst\u00fctzen, in der klinischen Routine die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie sind aber nicht verpflichtend. Es gibt klinische Situationen in denen man sich begr\u00fcndet \u00fcber eine Leitlinie hinwegsetzen kann.<\/p>\n<p><strong>In welchen medizinischen Fachgebieten sehen Sie aktuell einen besonderen Nutzen oder eine besondere Notwendigkeit von Leitlinien?<\/strong><br \/>\nDas sind Themen oder Fachgebiete, bei denen die zur Verf\u00fcgung stehenden Daten f\u00fcr die Kollegen h\u00e4ufig nicht konklusiv und sehr schwierig zu interpretieren sind. Das gilt sowohl f\u00fcr radiologische beziehungsweise diagnostische Themen als auch f\u00fcr die Therapie von bestimmten Erkrankungen. Ein gutes Beispiel ist die aktuelle und k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte DGN-Leitlinie f\u00fcr MS. Die MS- Therapielandschaft wird immer breiter und heterogener, und auch da ist es deshalb wichtig, den \u00c4rzten mithilfe von Leitlinien Orientierung und Hilfestellung zu bieten, um so der bestm\u00f6glichen Therapieentscheidung den Weg zu bereiten, zum Wohle des individuellen Patienten.<\/p>\n<p><em>Deutsche R\u00f6ntgengesellschaft e.V., 23.06.2021<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie unterst\u00fctzen Leitlinien \u00c4rzte und \u00c4rztinnen im klinischen Alltag, wie profitieren Patienten und Patientinnen von ihnen und wie sieht der Prozess bei der Entstehung von Leitlinien aus, gerade wenn sie international ausgerichtet sind? 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