{"id":10967,"date":"2022-07-05T12:00:39","date_gmt":"2022-07-05T12:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=10967"},"modified":"2022-07-05T12:00:39","modified_gmt":"2022-07-05T12:00:39","slug":"zunahme-von-medikamenten-engpaessen-in-der-augenheilkunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=10967","title":{"rendered":"Zunahme von Medikamenten-Engp\u00e4ssen in der Augenheilkunde"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong> Die Liefer- und Versorgungsengp\u00e4sse von Medikamenten und Medizinprodukten sind in den vergangenen Jahren in Deutschland angestiegen, auch in der Ophthalmologie. Medikamente f\u00fcr wichtige Behandlungen k\u00f6nnen teils nur versp\u00e4tet oder vereinzelt auch gar nicht geliefert werden, kritisieren Expert*innen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). Die Folgen sind erh\u00f6hte Kosten, eine verz\u00f6gerte Behandlung und teilweise ernsthafte Verschlechterungen des Gesundheitszustandes. Gr\u00fcnde f\u00fcr die Engp\u00e4sse sind Verlagerungen der Medikamentenproduktion ins Ausland sowie pandemiebedingte Probleme der Produktion und Lieferketten. Die DOG fordert eine verst\u00e4rkte Eigenproduktion von Medikamenten in Deutschland und Europa.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">\u201eIn den zur\u00fcckliegenden Jahren haben die<strong> Engp\u00e4sse in der Versorgung mit Medikamenten und Medizinprodukten<\/strong> auf beunruhigende Art und Weise <strong>zugenommen<\/strong>, auch wenn es bisher nur vergleichsweise seltene Augenerkrankungen betrifft\u201c, sagt Professor Dr. med. Martina Herwig-Carl, Ober\u00e4rztin der Universit\u00e4ts-Augenklinik Bonn. Die Corona-Pandemie habe die Probleme noch weiter versch\u00e4rft: \u201eWir erleben in der Ophthalmologie sowohl <strong>Lieferengp\u00e4sse<\/strong> als auch vollkommene <strong>Produktionsstopps<\/strong> von Medikamenten.\u201c Da das Ausweichen auf Alternativpr\u00e4parate im ophthalmologischen Bereich oft nicht m\u00f6glich ist, best\u00fcnden <strong>gro\u00dfe Abh\u00e4ngigkeiten<\/strong>.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Keine geeigneten Alternativen verf\u00fcgbar<\/strong><\/span><\/h5>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Besonders betroffen sind Patienten mit <strong>Tumorerkrankungen<\/strong> des Auges, da beispielsweise die Produktion von <strong>Interferon \u03b12b<\/strong> eingestellt wurde. Die Arznei wurde in Form von Augentropfen bei Vorstufen des schwarzen Hautkrebs der Bindehaut (Konjunktivale intraepitheliale melanozyt\u00e4re L\u00e4sionen, CMIL) eingesetzt. \u201eWerden diese Gewebever\u00e4nderungen unzureichend therapiert, kommt es im schlimmsten Fall zu einem Bindehautmelanom mit Metastasierungspotential\u201c, erl\u00e4utert die DOG-Expertin. Als <strong>Alternative<\/strong> stehen Mitomycin C (MMC) und 5-Fluorouracil (5-FU) bereit, doch sind diese Mittel<strong> deutlich schlechter vertr\u00e4glich<\/strong> und auch f\u00fcr den letztgenannten Wirkstoff gab es bereits <strong>Lieferengp\u00e4sse<\/strong>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">\u201eSchwer wiegt auch der Produktionsstopp von Mitteln zur F\u00f6rderung der Wundheilung bei chronischen Hornhautgeschw\u00fcren. Hier sind mehrere Pr\u00e4parate<strong> nicht mehr in Deutschland verf\u00fcgbar und gleichzeitig alternativlos<\/strong>\u201c, f\u00fcgt die Bonner Augen\u00e4rztin hinzu. Ein Mittel k\u00f6nne nur noch \u00fcber Auslandsapotheken f\u00fcr Kosten im hohen f\u00fcnfstelligen Euro-Bereich bezogen werden. Gravierend sind auch Probleme, die durch den Lieferengpass des Wirkstoffs Verteporfin entstehen, der f\u00fcr die Photodynamische Therapie von Netzhauterkrankungen ben\u00f6tigt wird. \u201eEine Nicht-Behandlung f\u00fchrt zum Ausbleiben einer Sehverbesserung\u201c, betont Herwig-Carl.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Lieferengp\u00e4sse gab es zwischenzeitlich auch bei den Augentropfen <strong>Scopolamin<\/strong>, die f\u00fcr die therapeutische Weitstellung der Pupillen bei intraokul\u00e4ren Entz\u00fcndungen sehr wichtig sind. \u201eAls Alternative stehen nur schw\u00e4cher und nicht so lang wirkende Tropfen zur Verf\u00fcgung\u201c, bedauert die DOG-Expertin. Nur \u00fcber wenige Apotheken, teils Auslandsapotheken, zu beziehen sind Arzneien zur Behandlung der <strong>Akantham\u00f6benkeratitis<\/strong> \u2013 einer schweren Hornhautentz\u00fcndung, die meist Kontaktlinsentr\u00e4ger*innen bef\u00e4llt.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Zertifizierungsaufwand bedingt Mangel an Medizinprodukten<\/span><\/h5>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Dar\u00fcber hinaus sind auch manche Medizinprodukte knapp, erg\u00e4nzt Professor Dr. med. Gerd Geerling, Direktor der Universit\u00e4ts-Augenklinik D\u00fcsseldorf und Pr\u00e4sident der DOG: \u201eVerschiedene <strong>Speziallinsen<\/strong> zur Implantation in das Auge nach Entfernung der k\u00f6rpereigenen getr\u00fcbten Linse beim grauen Star sind momentan wegen einer<strong> \u00c4nderung im Medizinproduktegesetz<\/strong> nicht mehr verf\u00fcgbar. Grund hierf\u00fcr ist die neue EU-Verordnung 2020\/561, die seit Mai 2021 gilt.\u201c Diese Gesetzesnovelle hat die Durchf\u00fchrung des Konformit\u00e4tsbewertungsverfahrens von staatlichen Instanzen auf die Hersteller verlagert; bei sterilen oder Produkten mit Messfunktion ist zus\u00e4tzlich eine Zertifizierung durch private oder staatliche Pr\u00fcfstellen erforderlich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">\u201eZiel war es, die staatliche Regulation zu minimieren, was jedoch zu einem<strong> erh\u00f6hten Zertifizierungsaufwand<\/strong> f\u00fcr Nischenprodukte f\u00fchrte\u201c, so Geerling. In der Folge wurden viele Produkte <strong>vom Markt genommen<\/strong>. Besonders schwerwiegend trifft es Menschen, die etwa durch eine schwere Hornhauterkrankung beidseits erblindet sind und denen mit einer nat\u00fcrlichen Hornhauttransplantation nicht, aber mit einer besonderen Form der k\u00fcnstlichen Hornhaut \u2013 einer <strong>Keratoprothese<\/strong> \u2013 geholfen werden kann. \u201eDa diese Implantate nicht mehr verf\u00fcgbar sind, m\u00fcssen die Patienten in Blindheit ohne Aussicht auf Besserung leben\u201c, konstatiert Geerling.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Lieferengp\u00e4sse sind meist schlecht absehbar<\/span><\/h5>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Allgemein gilt es, zwischen Lieferengp\u00e4ssen und Versorgungsengp\u00e4ssen zu unterscheiden. Laut Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukten (BfArM) ist ein Lieferengpass eine voraussichtlich mehr als zwei Wochen dauernde Unterbrechung der Auslieferung der \u00fcblichen Menge oder eine deutlich gestiegene Nachfrage, die nicht bedient werden kann. \u201eAllerdings ist die Dauer von Lieferengp\u00e4ssen meist ungewiss, und oft werden sie nicht im Vorhinein kommuniziert\u201c, berichtet Herwig-Carl. Von einem Versorgungsengpass spricht man, wenn nicht lieferbare Arzneimittel versorgungsrelevant sind und f\u00fcr die Therapie keine Alternativpr\u00e4parate zur Verf\u00fcgung stehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Die Ursachen f\u00fc<strong>r Probleme bei der Medikamentenversorgung<\/strong> sind vielschichtig. \u201eGrundlegend sind hier jedoch vier zu nennen\u201c, sagt Herwig-Carl. Entweder treten vor\u00fcbergehende Lieferengp\u00e4sse auf, Produkte werden g\u00e4nzlich eingestellt, sind in Deutschland nicht zu beziehen oder die Medikamente werden von Apotheken selbst hergestellt und sind daher nicht fl\u00e4chendeckend verf\u00fcgbar. Gr\u00fcnde f\u00fcr Lieferengp\u00e4sse k\u00f6nnen der Ausfall von Zulieferern, ein Mangel durch Probleme mit der Qualit\u00e4t, eine Umstellung der Herstellungsprozesse, Rohstoffknappheit oder eine gesteigerte Nachfrage sein.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Versorgung durch Eigenproduktion sicherstellen<\/span><\/h5>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>\u00a0<\/strong>\u201eEine vermehrte <strong>Eigenproduktion<\/strong> von Medikamenten und Medizinprodukten<strong> in Deutschland oder zumindest Europa<\/strong> ist unerl\u00e4sslich, gerade wenn es sich um seltene oder schwerwiegende Erkrankungen handelt, die in einem kommerzialisierten Medizin-Betrieb keine Priorit\u00e4t genie\u00dfen\u201c, schlussfolgert DOG-Pr\u00e4sident Geerling. \u201eNur so kann die notwendige Versorgung f\u00fcr Patientinnen und Patienten in der Augenheilkunde in Zukunft gew\u00e4hrleistet werden.\u201c<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Die DOG ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft f\u00fcr Augenheilkunde in Deutschland. Sie vereint unter ihrem Dach mehr als 8.000 Mitglieder, die augenheilkundlich forschen, lehren und behandeln.<\/span> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Liefer- und Versorgungsengp\u00e4sse von Medikamenten und Medizinprodukten sind in den vergangenen Jahren in Deutschland angestiegen, auch in der Ophthalmologie. 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