{"id":12284,"date":"2026-01-27T08:01:35","date_gmt":"2026-01-27T08:01:35","guid":{"rendered":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=12284"},"modified":"2026-01-27T13:07:57","modified_gmt":"2026-01-27T13:07:57","slug":"immer-mehr-junge-erwachsene-kommen-mit-wunschdiagnosen-in-psychologische-praxen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=12284","title":{"rendered":"Immer mehr junge Erwachsene kommen mit \u201eWunschdiagnosen\u201c in psychologische Praxen. \u2013"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\"><b>Immer mehr junge Erwachsene suchen eine psychologische Abkl\u00e4rung mit einer vorgefassten Erwartung an die Diagnose \u2013 oder haben sich sogar selbst schon eine gegeben. Eine neue Studie, an der 93 in \u00d6sterreich zugelassene Klinische Psychologinnen und Psychologen teilnahmen, zeigt: Selbst- und Wunschdiagnosen \u2013 h\u00e4ufig ADHS oder Autismus betreffend \u2013 treten heute deutlich h\u00e4ufiger auf als noch vor wenigen Jahren. Besonders oft ist dies bei jungen Frauen mit h\u00f6herer Bildung und intensiver Social-Media-Nutzung der Fall. <\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\">Unter Leitung der Karl Landsteiner Privatuniversit\u00e4t (KL Krems) wurde untersucht, wie diese Dynamik diagnostische Routinegespr\u00e4che ver\u00e4ndert \u2013 und aufgezeigt, dass die Kommunikation in der psychosozialen Versorgung nachgesch\u00e4rft werden muss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\"><strong>Soziale Medien und Streaming-Plattformen<\/strong> sind heute zentrale Quellen f\u00fcr (Fehl-)Informationen zu psychischer Gesundheit. Viele junge Menschen begegnen Diagnosebegriffen erstmals auf TikTok, Instagram oder in Serien. F\u00fcr manche ist das ein Ansto\u00df, sich Hilfe zu holen \u2013 f\u00fcr andere werden psychische Labels <strong>Teil der Selbstbeschreibung und der Darstellung gegen\u00fcber dem Umfeld.<\/strong> Bislang war wenig dar\u00fcber bekannt, wie Fachleute diese Entwicklung einsch\u00e4tzen und wie sie den diagnostischen Alltag beeinflusst. Um das zu kl\u00e4ren, befragte das Forschungszentrum Transitionspsychiatrie an der KL Krems klinisch t\u00e4tige Fachkr\u00e4fte in ganz \u00d6sterreich zu ihren Erfahrungen mit Selbst- und Wunschdiagnosen bei jungen Erwachsenen.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"font-family: bahnschrift;\"><b>Diagnose als Identit\u00e4t<\/b><\/span><\/h5>\n<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\">\u201eViele junge Erwachsene kommen heute nicht mehr mit einer offenen Frage wie: \u201aWas ist los mit mir?\u2018\u201c, sagt Dr. Gloria Mittmann, MSc, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Transitionspsychiatrie. \u201eSie kommen mit einer sehr konkreten<strong> Diagnosevorstellung, die sie f\u00fcr sich bereits gew\u00e4hlt haben<\/strong> \u2013 oft ADHS oder Autismus \u2013 und mit dem starken Wunsch, diese Identit\u00e4t bzw. dieses Label <strong>best\u00e4tigt<\/strong> zu bekommen.\u201c Das kann verst\u00e4ndliche Gr\u00fcnde haben, so Mittmann: Eine formale Diagnose kann Belastungen im Alltag weniger wie pers\u00f6nliches Versagen erscheinen lassen, sondern als etwas, das benenn- und erkl\u00e4rbar ist. Gleichzeitig steigt damit die <strong>Bedeutung der Abkl\u00e4rung der Diagnose<\/strong>. \u201eWenn eine Diagnose zentral f\u00fcr das Selbstbild geworden ist, kann jede Abweichung zwischen Erwartung und klinischer Einsch\u00e4tzung als zutiefst bedrohlich erlebt werden\u201c, erkl\u00e4rt sie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\">Die Befragung der Fachkr\u00e4fte zeigt, wie verbreitet diese Dynamik inzwischen ist. Die meisten Teilnehmenden berichteten, Selbst- und Wunschdiagnosen k\u00e4men \u201eh\u00e4ufiger\u201c oder \u201eviel h\u00e4ufiger\u201c vor als fr\u00fcher. Nur eine kleine Minderheit nahm keine Ver\u00e4nderung wahr, und nahezu niemand beobachtete einen R\u00fcckgang. In beiden Kategorien dominierten klar <strong>ADHS und Autismus-Spektrum-St\u00f6rungen<\/strong>, andere St\u00f6rungsbilder wurden deutlich seltener genannt. Als typische Gruppe beschrieben die Befragten vor allem weibliche Personen mit h\u00f6herer Bildung und intensiver Nutzung von Online-Medien. Bei den Motiven nannten sie am h\u00e4ufigsten Entlastung von Schuld- oder Verantwortungsgef\u00fchlen, den Wunsch, langj\u00e4hrige Schwierigkeiten besser einordnen zu k\u00f6nnen, sowie die <strong>Attraktivit\u00e4t, zu einer anerkannten Identit\u00e4tsgruppe zu geh\u00f6ren<\/strong>. Der Zugang zu Medikamenten oder Behandlungsm\u00f6glichkeiten wurde dagegen seltener als Haupttreiber genannt.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"font-family: bahnschrift;\"><b>Abkl\u00e4rung als \u201ePr\u00fcfung\u201c<\/b><\/span><\/h5>\n<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\">Die qualitative Auswertung zeigt, wie stark <strong>Erwartungen<\/strong> die Diagnostiksituation pr\u00e4gen: Viele Befragte schilderten, dass Patientinnen und Patienten <strong>umfangreiches \u201eHalbwissen\u201c aus Social Media, Online-Selbsttests oder Gespr\u00e4chen<\/strong> im Umfeld mitbringen. Das gehe h\u00e4ufig mit einer verengten oder verzerrten Vorstellung diagnostischer Kriterien einher \u2013 und mit der Tendenz,<strong> Alltagsph\u00e4nomene rasch zu pathologisieren<\/strong>. In Frageb\u00f6gen und Gespr\u00e4chen wirkten manche Antworten \u201e<strong>diagnosegeleitet<\/strong>\u201c: Symptome, die zum gew\u00fcnschten Label passen, w\u00fcrden betont \u2013 auch dann, wenn Entwicklungsgeschichte oder Fremdberichte dieses Bild nicht st\u00fctzten. Zudem berichteten Fachleute von<strong> geringer Offenheit f\u00fcr alternative Erkl\u00e4rungen<\/strong>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: bahnschrift;\">Wurde die erwartete Diagnose am Ende nicht best\u00e4tigt, waren <strong>starke Reaktionen<\/strong> eher die Regel als die Ausnahme \u2013 von Entt\u00e4uschung und Traurigkeit bis zu \u00c4rger, scharfer Kritik oder \u201eDiagnose-Shopping\u201c, also dem Aufsuchen weiterer Abkl\u00e4rungen, bis die gew\u00fcnschte Diagnose best\u00e4tigt wird. In einzelnen F\u00e4llen berichteten Fachleute von <strong>explizitem Druck<\/strong>, Befunde abzu\u00e4ndern, oder von <strong>Drohungen<\/strong> mit Beschwerden und negativen Bewertungen. Umso wichtiger werden Feedbackrunden mit den Betroffenen, die klare fachliche Begr\u00fcndungen mit viel Empathie verbinden m\u00fcssten. \u201eFachpersonen sollten sehr transparent erkl\u00e4ren, wie eine Schlussfolgerung erfolgte \u2013 und zugleich anerkennen, dass die gew\u00fcnschte Diagnose f\u00fcr manche zu einem Teil ihrer Identit\u00e4tsgeschichte geworden ist\u201c, sagt Mittmann.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: bahnschrift;\">[!] Insgesamt deuten die Ergebnisse auf einen breiten Wandel hin: F\u00fcr viele junge Menschen sind Diagnosen wie ADHS oder Autismus nicht mehr nur klinische Kategorien, sondern auch soziale Identit\u00e4ten, die Zugeh\u00f6rigkeit und Anerkennung vermitteln. Die klinische Praxis sollte darauf reagieren \u2013 etwa indem Selbstdiagnosen und Wunschdiagnosen in Aus- und Fortbildung systematisch aufgegriffen werden, Kompetenzen f\u00fcr R\u00fcckmeldungen in \u201eHigh-Stakes\u201c-Situationen gest\u00e4rkt werden und Fachkreise sich aktiver mit Online-Mental-Health-Kulturen auseinandersetzen.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<ul>\n<li><span style=\"font-family: bahnschrift;\"><i>Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists, M. Neumann: V. Steiner-Hofbauer: M. Aigner: A. H\u00f6flich: A. Holzinger &amp; G. Mittmann, Int J Clin Health Psychol (2026) 26:100661, doi:10.1016\/j.ijchp.2025.100661.<\/i><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: bahnschrift;\"><i>Mitteilung der Karl Landsteiner Privatuniversit\u00e4t Krems vom 27. J\u00e4nner 2026<\/i><\/span><i><\/i><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr junge Erwachsene suchen eine psychologische Abkl\u00e4rung mit einer vorgefassten Erwartung an die Diagnose \u2013 oder haben sich sogar selbst schon eine gegeben. 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