{"id":2208,"date":"2019-06-06T11:47:30","date_gmt":"2019-06-06T11:47:30","guid":{"rendered":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=2208"},"modified":"2019-07-03T12:44:16","modified_gmt":"2019-07-03T12:44:16","slug":"klinische-entlassungsbriefe-viele-hausaerzte-verstehen-die-arztbriefe-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=2208","title":{"rendered":"Klinische Entlassungsbriefe: Viele Haus\u00e4rzte verstehen die Arztbriefe nicht"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Klinische Entlassungsbriefe (\u201eArztbriefe\u201c) sind das wohl wichtigste Kommunikationsmittel zwischen Krankenhaus\u00e4rzten und den Kollegen in der haus\u00e4rztlichen Praxis. Sie erf\u00fcllen zudem eine Dokumentationspflicht. Trotz dieser fundamentalen Bedeutung fehlt in den Texten nicht selten die Nachvollziehbarkeit diagnostischer und therapeutischer Ma\u00dfnahmen.<!--more--><\/strong><\/p>\n<p>Schwer zu verstehende oder missverst\u00e4ndliche Arztbriefe sind Ursache zahl- und folgenreicher Missverst\u00e4ndnisse. Um der Informationssicherung zu dienen, m\u00fcssen sie u.a. pr\u00e4zise und schl\u00fcssig formuliert sein. \u00c4rzte m\u00fcssen darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass sie alle relevanten Informationen in nachvollziehbarer Weise in einem Arztbrief vorfinden.<\/p>\n<p>Im Rahmen einer Analyse von klinischen Entlassungsbriefen (\u201eArztbriefen\u201c) wurden bundesweit Haus\u00e4rzte zu ihren Erfahrungen mit der Qualit\u00e4t dieser Texte befragt. Insgesamt nahmen 197 Mediziner an der Befragung teil. Die \u00c4rzte wurden zu ihren Erfahrungen, Meinungen und ihrem pers\u00f6nlichen Umgang mit klinischen Entlassungsbriefen befragt. Missverst\u00e4ndliche Formulierungen in Arztbriefen bringen die Allgemeinmediziner regelm\u00e4\u00dfig zur Verzweiflung.<\/p>\n<blockquote>\n<p>[!] Missverst\u00e4ndliche und unvollst\u00e4ndige Arztbriefe sind eher die Regel als die Ausnahme.<\/p>\n<\/blockquote>\n<h5>Therapierelevante Informationen gehen unter<\/h5>\n<p>Vom \u201eAbk\u00fcrzungsfimmel\u201c, \u201eSachkenntnismangel\u201c und \u201enicht angepassten Textbausteinen\u201c ist die Rede, wenn Haus\u00e4rzte zum Thema Arztbrief befragt werden. Vor allem fachinterne Ausdr\u00fccke und unbekannte oder doppeldeutige Abk\u00fcrzungen bieten Spielraum f\u00fcr Interpretationen.<\/p>\n<p>Viele Abk\u00fcrzungen lassen sich zwar aus dem Kontext erschlie\u00dfen, indem beispielsweise die Therapiema\u00dfnahmen mit den Diagnosen verglichen werden. Doch nicht selten kommt es vor, dass Haus\u00e4rzte die klinischen Entlassungsbriefe ihrer Kollegen nur mit M\u00fche verstehen.<\/p>\n<p>\u2022 99 % der Befragten gaben an, dass die Qualit\u00e4t der Arztbriefe verbesserungsw\u00fcrdig sei.<\/p>\n<p>\u2022 Nur 4 % der Befragten gaben an, in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht mit missverst\u00e4ndlichen Arztbriefen konfrontiert worden zu sein.<\/p>\n<p>\u2022 99 % der Haus\u00e4rzte gaben an, Arztbriefe in manchen F\u00e4llen nicht auf Anhieb zu verstehen.<\/p>\n<p>Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang logische Fehler, fehlende Informationen und vage Formulierungen, die Interpretationsspielr\u00e4ume er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>40 % der Befragten gaben an, dass logische Fehler h\u00e4ufig oder sehr h\u00e4ufig vorkommen. Ein \u00e4hnliches Bild zeichnet sich f\u00fcr vage Formulierungen ab: 45 % der Haus\u00e4rzte gaben an, h\u00e4ufig oder sehr h\u00e4ufig damit konfrontiert zu sein. Noch deutlicher fallen fehlende Informationen ins Gewicht: 63 % der Allgemeinmediziner bem\u00e4ngelten, dass ihnen relevante Informationen in den Entlassungsbriefen h\u00e4ufig oder sehr h\u00e4ufig fehlen.<\/p>\n<p>Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Qualit\u00e4t der klinischen Entlassungsbriefe stark verbesserungsw\u00fcrdig ist. Entscheidend sind dabei strukturelle und inhaltliche Standards, die bislang fehlen. Weniger entscheidend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis sind Textl\u00e4nge und formale Kriterien. Insbesondere Unsch\u00e4rfe im Ausdruck sowie lange und komplizierte S\u00e4tze wurden als zentrale Quellen f\u00fcr Verstehensprobleme genannt.<\/p>\n<h5>Besonders schlecht: unbekannte Abk\u00fcrzungen<\/h5>\n<p>Auch enthalten viele Arztbriefe Informationen, die so verschl\u00fcsselt sind, dass sie fachfremde Kollegen vor Probleme stellen. Besonders Abk\u00fcrzungen sind in diesem Zusammenhang problematisch: 71 % der befragten Haus\u00e4rzte waren der Meinung, dass sich unbekannte Abk\u00fcrzungen in der Regel nicht aus dem Kontext erschlie\u00dfen lassen. 94 % der \u00c4rzte mussten h\u00e4ufig oder gelegentlich Abk\u00fcrzungen nachschlagen.<\/p>\n<p>Die Umfrage zeigt, dass nicht alle Textteile in Entlassungsbriefen von gleicher Bedeutung f\u00fcr die haus\u00e4rztliche Praxis sind. Vor allem werden Informationen als wichtig eingestuft, die konkrete Handlungsempfehlungen enthalten \u2013 also Therapieempfehlungen und Entlassungsmedikation. 74 % der Befragten gaben an, dass es bei den Therapieempfehlungen h\u00e4ufig zu Unklarheiten oder Fehlern kommt. Bei der Entlassungsmedikation waren es sogar 77 %. Auch die Epikrise (65 %), und der Verlauf der klinischen Behandlung (57 %) wurden oft als problematisch beschrieben.<\/p>\n<h5>Kursorisches Lesen erfordert pr\u00e4zise Informationen, &#8230;<\/h5>\n<p>In der haus\u00e4rztlichen Praxis werden nur einzelne Textteile gelesen, um therapierelevante Informationen herauszufiltern. Nur 33% der Befragten gaben an, Arztbriefe vollst\u00e4ndig zu lesen. 67 % der Allgemeinmediziner verschaffen sich durch kursorisches Lesen der Arztbriefe einen allgemeinen \u00dcberblick \u00fcber die Patienteninformationen.<\/p>\n<p>Doch nicht immer sind die notwendigen Informationen f\u00fcr die weiterbehandelnden \u00c4rzte leicht zu finden. Dies k\u00f6nnte auch mit der durch die Einf\u00fchrung der DRG-Fallpauschalen notwendigen Dokumentationspflicht f\u00fcr ressourcenverbrauchende Nebendiagnosen zusammenh\u00e4ngen, die einen Arztbrief unn\u00f6tig aufbl\u00e4hen.<\/p>\n<h5>&#8230; doch die sind oft gut versteckt<\/h5>\n<p>44% der Befragten gaben an, dass eine ausschweifende Darstellung nicht relevanter Informationen in Arztbriefen h\u00e4ufig oder sehr h\u00e4ufig zu finden ist.In manchen F\u00e4llen verstecken sich therapierelevante Informationen zwischen Befundsammlungen und durchgef\u00fchrten Untersuchungen oder als beil\u00e4ufige S\u00e4tze in der Epikrise. Eine Befragung von Haus\u00e4rzten aus dem Jahr 2013 zeigte au\u00dferdem auf, dass Informationen zu \u00c4nderungen des Medikationsplans und dazugeh\u00f6rige Begr\u00fcndungen regelm\u00e4\u00dfig fehlten.<\/p>\n<p>Viele Klinik\u00e4rzte greifen beim Formulieren zu Floskeln und neigen zu Redundanzen. Dies f\u00fchrt dazu, dass die Briefe unn\u00f6tig aufgebl\u00e4ht werden, was die Identifikation neuer und relevanter Informationen deutlich erschwert. Telegrammstil und Beh\u00f6rdendeutsch dagegen bereiten beim Lesen kaum Probleme.<\/p>\n<h5>Hoher Zeitaufwand auf beiden Seiten<\/h5>\n<p>Arztbriefe schreiben kostet Zeit. Dasselbe gilt f\u00fcr das Lesen dieser Dokumente. Die Befragung zeigt, dass Haus\u00e4rzte im Mittel 3 bis 10 Briefe t\u00e4glich lesen m\u00fcssen. Das entspricht einer t\u00e4glichen Lesedauer von bis zu 60 Minuten. 59 % der Haus\u00e4rzte gaben an, die meisten Arztbriefe seien eher zu lang.<\/p>\n<h5>Gesucht: ein einheitlicher Standard<\/h5>\n<p>Ein einheitlicher Standard w\u00fcrde nicht nur dem Hausarzt helfen, indem er die Patientendaten in einer \u00fcbersichtlichen Form zur Verf\u00fcgung gestellt bek\u00e4me, sondern auch die Verfasser w\u00fcrden profitieren, da eine effiziente und strukturierte Vorgabe mit einer \u00f6konomischen und zeitsparenden Arbeitsweise verbunden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auch unge\u00fcbte Assistenz\u00e4rzte und Berufseinsteiger w\u00fcrden von einem Leitfaden zur einheitlichen Gestaltung von Arztbriefen profitieren. Zudem ergibt sich ein Problem, das auch bei den befragten Haus\u00e4rzten zur Sprache kam: Die steigende Zahl der nicht-muttersprachlichen \u00c4rzte in den Kliniken erfordert eine strukturierte Anleitung im Verfassen verst\u00e4ndlicher und zugleich rechtssicherer Dokumente. Bem\u00fchungen, die kommunikative Kompetenz ausl\u00e4ndischer \u00c4rzte zu st\u00e4rken, m\u00fcssen sich auch auf den schriftsprachlichen Bereich ausweiten.<\/p>\n<p><em>Bechmann S. Arztbriefe: Epikrise in der Krise? Haus\u00e4rzte bem\u00e4ngeln Sprache und Inhalt klinischer Entlassungsbriefe. D\u00fcsseldorf, 2019.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klinische Entlassungsbriefe (\u201eArztbriefe\u201c) sind das wohl wichtigste Kommunikationsmittel zwischen Krankenhaus\u00e4rzten und den Kollegen in der haus\u00e4rztlichen Praxis. Sie erf\u00fcllen zudem eine Dokumentationspflicht. 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