{"id":298,"date":"2015-11-26T11:25:41","date_gmt":"2015-11-26T11:25:41","guid":{"rendered":"http:\/\/oberarztheute.apps-1and1.net\/?p=298"},"modified":"2017-11-26T11:28:12","modified_gmt":"2017-11-26T11:28:12","slug":"von-der-kanadischen-leitlinie-bis-zur-deutschen-fachpublikation-was-muss-der-arzt-kennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=298","title":{"rendered":"Von der kanadischen Leitlinie bis zur deutschen Fachpublikation: Was muss der Arzt kennen?"},"content":{"rendered":"<p class=\"Autorenzeile\"><em>von Rainer Hellweg, Fachanwalt f\u00fcr Medizinrecht, armedis Rechtsanw\u00e4lte, Hannover, <a href=\"http:\/\/www.armedis.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.armedis.de<\/a><\/em><\/p>\n<p class=\"Grundtext\"><strong>Vom Oberarzt kann selbstverst\u00e4ndlich nicht erwartet werden, dass er die gesamte Weltliteratur zum Stand der medizinischen Wissenschaft kennt. Allerdings muss er sich durch Fachpublikationen auf dem aktuellen Stand halten und die einschl\u00e4gigen Leitlinien zu seinem Fachgebiet kennen. Wo genau die Grenze verl\u00e4uft, ist nicht allgemein bestimmt, sondern haftungsrechtlich eine Frage des Einzelfalls. Dass hier keine \u00fcberzogenen Anforderungen zu stellen sind, legt ein aktueller Beschluss des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 16. Juni 2015 nahe (Az. <a class=\"dejure\" title=\"VI ZR 332\/14 (2 zugeordnete Entscheidungen)\" href=\"http:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=VI%20ZR%20332\/14\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VI ZR 332\/14<\/a> ). <span class=\"balken\">|<\/span><\/strong><em><!--more--><\/em><\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Der Fall<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">In dem Fall, den der BGH zu beurteilen hatte, ging es um Geburtskom-plikationen aufgrund einer Uterusruptur. Es kam zu einer schweren kindlichen Hirnsch\u00e4digung. Der Vorwurf des Behandlungsfehlers richtete sich gegen den geburtsleitenden Belegarzt der Klinik. Nachdem dieser durch die Instanzgerichte verurteilt worden war, hob der BGH das Urteil auf und gab dem Arzt in Teilen Recht.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Unter anderem wurde dem Gyn\u00e4kologen vorgeworfen, dass er nach Auffassung des vorher zust\u00e4ndigen Instanzgerichts h\u00e4tte wissen m\u00fcssen, dass Prostaglandine das Risiko einer Uterusruptur nennenswert erh\u00f6hen. Hierzu hatte der gerichtlich bestellte Sachverst\u00e4ndige angegeben, diese Erkenntnisse seien bereits 2004 publiziert worden. Die Behandlung erfolgte im Januar 2006.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Diese Ansicht akzeptierte der BGH nicht und schaute genauer hin: Der Sachverst\u00e4ndige habe sein Gutachten gr\u00f6\u00dftenteils mit Fundstellen belegt, die erst nach der hier betreffenden Geburt ver\u00f6ffentlicht worden seien. Dies etwa mit einer deutschen Leitlinie aus 2010 und einer britischen Leitlinie von Februar 2007. Die einzig zum Behandlungszeitpunkt bereits existierende Leitlinie sei hingegen eine kanadische Leitlinie von Februar 2005.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Der BGH formulierte: \u201eOb ein deutscher Gyn\u00e4kologe, der nicht in einem Zentrum der Maximalversorgung t\u00e4tig ist, sondern nur \u00fcber Belegbetten in einem Krankenhaus der Allgemeinversorgung verf\u00fcgt, im Januar 2006 Kenntnis von der kanadischen Leitlinie haben musste\u201c, sei noch zu kl\u00e4ren. Deshalb verwies der BGH die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung an die Vorinstanz zur\u00fcck.<\/p>\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<blockquote><p><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> Man kann den BGH dahingehend interpretieren, dass er Zweifel hat, ob ein deutscher Gyn\u00e4kologe wirklich eine kanadische Leitlinie kennen muss, die ein Jahr vor der Behandlung ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p><\/blockquote>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Wie informiert muss der Arzt sein?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Dem Patienten wird grunds\u00e4tzlich eine Behandlung lege artis nach dem neuesten Stand der medizinischen Wissenschaft geschuldet. Damit korrespondiert, dass sich der Arzt laufend \u00fcber neue wissenschaftliche Erkenntnisse informieren muss. Welchen Umfang die zu erwartenden Kenntnisse haben m\u00fcssen, richtet sich nach dem sogenannten Facharztstandard.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Dies bedeutet nicht, dass jeder im Krankenhaus t\u00e4tige Arzt Facharzt sein muss. Vielmehr hat der Patient einen Anspruch auf eine \u00e4rztliche Behandlung, die dem Stand eines erfahrenen Facharztes entspricht. Hieraus begr\u00fcndet sich auch die Pflicht zur Lekt\u00fcre von Fachzeitschriften und -b\u00fcchern.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Wie aktuell muss das Wissen des Arztes sein?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">In Haftungsprozessen taucht oft die Frage auf, welche zeitliche Aktualit\u00e4t im Hinblick auf den Stand der medizinischen Wissenschaft vom Arzt erwartet werden kann. Juristisch ist dies letztlich eine Frage der Umst\u00e4nde des Einzelfalls, die konkret in jedem Verfahren erneut beantwortet werden muss.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Als interessante Richtschnur hat jedoch das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz geurteilt, eine Zeitspanne von einem halben Jahr f\u00fcr die Verwertung eines Fachartikels sei zu lang. Im dortigen Fall ging es um Sp\u00e4tsch\u00e4den eines Patienten durch die Narkose bei einer OP. Bei dem Patienten bestand &#8211; dies war den \u00c4rzten bekannt &#8211; eine extreme \u00dcberempfindlichkeit gegen die \u00fcblichen Narkosemittel. Der Sachverst\u00e4ndige hatte die Auffassung vertreten, dass der \u00dcberempfindlichkeit des Patienten mit einem weiteren Medikament h\u00e4tte begegnet werden m\u00fcssen. Der entsprechende Hinweis war 2004 in einer f\u00fchrenden an\u00e4sthesiologischen Fachzeitschrift ver\u00f6ffentlicht worden &#8211; mehr als ein halbes Jahr vor der Operation, um die es im Urteil ging.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Vor halbem Jahr ver\u00f6ffentlichte Publikation muss der Arzt kennen<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Das OLG Koblenz war der Meinung, dass der Arzt den Fachartikel h\u00e4tte kennen m\u00fcssen. Die Konsequenz: Dem An\u00e4sthesisten h\u00e4tte bekannt sein m\u00fcssen, dass er dem Patienten das weitere Medikament h\u00e4tte verabreichen m\u00fcssen. Auf dieser Grundlage sah das OLG einen Behandlungsfehler und sprach dem Patienten ein Schmerzensgeld zu.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Der Sachverst\u00e4ndige hatte im Verfahren argumentiert: Da es sich nicht um ein Krankenhaus der Maximalversorgung handele, sei eine \u201eKarenzzeit\u201c f\u00fcr den Kenntnisstand nach Ver\u00f6ffentlichung des Fachartikels einzur\u00e4umen. Diesen Einwand lie\u00df das OLG Koblenz aber nicht gelten. Eine solche Karenzzeit k\u00f6nne zumindest nicht mehr als ein halbes Jahr dauern &#8211; auch nicht f\u00fcr \u00c4rzte, die in kleineren H\u00e4usern t\u00e4tig sind.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">In welchem Umfang ist fachfremdes Wissen gefordert?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Die Gerichte verlangen nicht, dass jeder Arzt alle medizinischen Ver\u00f6ffentlichungen in s\u00e4mtlichen Teildisziplinen alsbald kennen und beachten muss. Gefordert wird, dass zumindest betreffend das eigene Fachgebiet die einschl\u00e4gigen Fachpublikationen und insbesondere Zeitschriften regelm\u00e4\u00dfig gelesen werden. Dies hei\u00dft aber haftungsrechtlich nicht, dass der Arzt \u00fcber sein eigenes Fachgebiet hinaus die \u00fcbrigen Fachgebiete v\u00f6llig ausblenden darf. Auch hier werden gewisse Mindestkenntnisse gefordert, wie schon das Urteil des BGH vom 27. Oktober 1981 (Az. <a class=\"dejure\" title=\"BGH, 27.10.1981 - VI ZR 69\/80\" href=\"http:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=VI%20ZR%2069\/80\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VI ZR 69\/80<\/a>) zeigt. Im dortigen Fall war es bei einem Tuberkulose-Patienten durch Verordnung von Myambotol zu Augensch\u00e4den gekommen. Ein besonderes Risiko diesbez\u00fcglich war schon damals unter Pneumologen bekannt.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Der Arzt, gegen den der Vorwurf eines Behandlungsfehlers erhoben wurde, war Urologe. Er hatte sich aber mit der Behandlung von Urogenitaltuberkulose befasst. Aus diesem Grunde attestierte der BGH ihm einen Sorgfaltsversto\u00df wegen Wissensmangels. Die Begr\u00fcndung: \u00c4rzte, die sich mit der Behandlung einer bestimmten Krankheit befassten, m\u00fcssten sich \u00fcber m\u00f6gliche Risiken der medikament\u00f6sen Behandlung dieser Krankheit umfassend informieren. Dies gelte auch \u00fcber Fachgebietsgrenzen hinaus.<\/p>\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<blockquote><p><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> M\u00f6chten Sie sich als Oberarzt \u00fcber das eigene Fachgebiet hinaus mit bestimmten Erkrankungen befassen und hier diagnostisch oder therapeutisch t\u00e4tig werden, m\u00fcssen Sie entsprechendes Fachwissen vorhalten. Zudem m\u00fcssen Sie sich st\u00e4ndig \u00fcber aktuelle Erkenntnisse auf dem Gebiet dieser Erkrankung informieren. Sonst droht ein besonderes Haftungsrisiko!<\/p><\/blockquote>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Wie kann der Haftungsgefahr begegnet werden?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Im Haftungsprozess wird der m\u00f6glicherweise zum Schutz des Arztes vorgebrachte Einwand, man konzentriere sich ausschlie\u00dflich auf die Subspezialisierung des eigenen T\u00e4tigkeitsbereichs, den Arzt kaum entlasten k\u00f6nnen. Dies gilt insbesondere f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Kliniken und H\u00e4user der Maximalversorgung, aber auch f\u00fcr andere Bereiche \u00e4rztlicher T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<blockquote><p><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> Erkennen Sie, dass Sie Ihre eigenen medizinischen Kompetenzen \u00fcberschreiten, m\u00fcssen Sie einen \u00e4rztlichen Kollegen hinzuziehen oder den Patienten an einen solchen verweisen. Ansonsten kommt eine Haftung wegen \u00dcbernahmeverschuldens in Betracht.<\/p><\/blockquote>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p class=\"Grundtext\">Vom Oberarzt wird zumindest auf seinem Fachgebiet zu fordern sein, dass er Erkenntnisse aus aktuellen Artikeln der f\u00fchrenden Fachzeitschriften und -b\u00fccher verarbeitet und zeitnah im Stationsalltag umsetzt. Dies gilt auch f\u00fcr diagnostische und therapeutische Ma\u00dfnahmen, die durch nachgeordnetes \u00e4rztliches Personal vorgenommen werden &#8211; falls der Oberarzt eine entsprechende F\u00fchrungsverantwortung hat. Sollte es hier zu Vers\u00e4umnissen kommen, kann f\u00fcr Ober\u00e4rzte eine Haftung in Betracht kommen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Fachlich weiterf\u00fchrend und haftungsrechtlich sinnvoll sind in diesem Zusammenhang als \u201eJournal Club\u201c oder \u00e4hnlich bezeichnete regelm\u00e4\u00dfige Veranstaltungen, bei denen sich \u00c4rzte \u00fcber aktuelle Artikel aus Fachzeitschriften informieren. Zum einen verbessert dies die medizinische Patientenversorgung, zum anderen k\u00f6nnen solche Treffen auch zur haftungsrechtlichen Entlastung des Oberarztes beitragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rainer Hellweg, Fachanwalt f\u00fcr Medizinrecht, armedis Rechtsanw\u00e4lte, Hannover, www.armedis.de Vom Oberarzt kann selbstverst\u00e4ndlich nicht erwartet werden, dass er die gesamte Weltliteratur zum Stand der medizinischen Wissenschaft kennt. 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