{"id":346,"date":"2015-12-27T15:36:20","date_gmt":"2015-12-27T15:36:20","guid":{"rendered":"http:\/\/oberarztheute.apps-1and1.net\/?p=346"},"modified":"2017-11-27T15:38:41","modified_gmt":"2017-11-27T15:38:41","slug":"wann-muss-der-oberarzt-einem-nicht-erschienenen-patienten-hinterhertelefonieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=346","title":{"rendered":"Wann muss der Oberarzt einem nicht erschienenen Patienten \u201ehinterhertelefonieren\u201c?"},"content":{"rendered":"<div id=\"v4\"><\/div>\n<p class=\"Autorenzeile\"><em>von Rechtsanw\u00e4ltin Henriette Nehse, armedis Rechtsanw\u00e4lte, Hannover, <\/em><a href=\"http:\/\/www.armedis.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>www.armedis.de<\/em><\/a><\/p>\n<p class=\"Grundtext\"><strong>Immer wieder kommt es vor, dass sich Patienten nicht wieder melden oder nicht erscheinen &#8211; obwohl zum Beispiel ein Termin zur Nachkontrolle vereinbart wurde oder ein Laborbefund noch aussteht. In welchen F\u00e4llen muss der Oberarzt initiativ mit dem Patienten Kontakt aufnehmen? Und was ist zu tun, wenn der Patient beim Telefonanruf nicht erreichbar ist?\u00a0<\/strong><!--more--><\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Pflicht zur therapeutischen Aufkl\u00e4rung<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Jeder Arzt &#8211; also auch der Oberarzt &#8211; ist im Rahmen der therapeutischen Aufkl\u00e4rung verpflichtet, den Patienten darauf hinzuweisen, dass eine Nachuntersuchung oder Wiedervorstellung notwendig ist. Dabei reicht es nicht, allgemein zu raten, sich bei einer Verschlechterung des Zustands wieder in Behandlung zu begeben oder das Weitere mit dem Hausarzt abzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Gefahren bei der Vers\u00e4umung eines Termins verdeutlichen<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Insbesondere wenn negative Ver\u00e4nderungen kurzfristig m\u00f6glich sind, hat der Arzt daf\u00fcr zu sorgen, dass darauf auch rasch reagiert werden kann. Somit muss dem Patienten deutlich vor Augen gef\u00fchrt werden, warum eine Nachkontrolle oder weitergehende Untersuchung erforderlich und wie dringlich diese ist. Dabei sollte auch unmissverst\u00e4ndlich klargemacht werden, welche Gefahren sich ergeben, wenn der Patient den Termin vers\u00e4umen sollte.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\"><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> Es gilt der Grundsatz: Je akuter der Kl\u00e4rungsbedarf ist und je gravierender und gef\u00e4hrlicher die Diagnose sein kann, desto weiter geht die Verpflichtung f\u00fcr die behandelnden \u00c4rzte.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Was muss der Arzt konkret unternehmen?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Es h\u00e4ngt vom Einzelfall ab, ob der Arzt initiativ t\u00e4tig werden oder den Patienten kontaktieren muss: Ein einfacher Brief, der einige Tage nach der Entlassung aus der Klinik versandt wird, reicht meist nicht aus. In dringenden F\u00e4llen muss der Arzt initiativ und kurzfristig mit dem Patienten Kontakt aufnehmen! Falls er nicht erreicht wird, gen\u00fcgt eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter nicht immer. Bei medizinischer Dringlichkeit kann es notwendig sein, mehrere Anrufversuche zu unternehmen oder eine Kontaktaufnahme \u00fcber Angeh\u00f6rige zu veranlassen &#8211; soweit diese bekannt sind oder sich ermitteln lassen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<p class=\"Grundtext\">Unabh\u00e4ngig davon muss der Klinikarzt den niedergelassenen Arzt des Patienten &#8211; meist den Hausarzt &#8211; \u00fcber das Behandlungsergebnis und die Diagnostik im Krankenhaus unterrichten. Dies entlastet aber nicht von der etwaig bestehenden Pflicht, zus\u00e4tzlich direkt an den Patienten heranzutreten und ihn auf die besondere Dringlichkeit einer weiteren Abkl\u00e4rung hinzuweisen.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Fall 1: Was veranlasst der Arzt, wenn Patient nicht erscheint?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hatte folgende Frage zu entscheiden: In welchen F\u00e4llen muss der Arzt einen Patienten wegen einer erneuten Vorstellung kontaktieren, wenn dieser nicht erscheint? (<a class=\"externtrue\" href=\"http:\/\/www.iww.de\/oh\/quellenmaterial\/id\/102958\">Urteil vom 21. Mai 2013, Az. 26 U 140\/12,<\/a> Abruf-Nr. <a href=\"http:\/\/www.iww.de\/oh\/quellenmaterial\/abrufnummer\/140280\">140280<\/a>). Im Urteilsfall wurde einem Gyn\u00e4kologen ein Behandlungsfehler vorgeworfen. Dieser war von einer Patientin &#8211; nach \u00dcberweisung durch den Hausarzt &#8211; zur Abkl\u00e4rung von Unterleibsschmerzen konsultiert worden. Der Gyn\u00e4kologe untersuchte die Patientin, erkannte jedoch keine Ursachen und \u00fcberwies sie zum Urologen. Da auch urologische Ursachen nicht erkennbar waren, riet der Urologe in einem Arztbrief an den Gyn\u00e4kologen und den Hausarzt zu einer weiteren Darmuntersuchung.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<p class=\"Grundtext\">Die Patientin suchte allerdings den Gyn\u00e4kologen danach nicht wieder auf. Die empfohlene Darmspiegelung lie\u00df sie erst mehr als ein halbes Jahr sp\u00e4ter durchf\u00fchren. Letztlich wurde ein Sigmakarzinom festgestellt, woran die Patientin verstarb.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Haftungsvorwurf: Mangelnde Initiative des Gyn\u00e4kologen<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Die Kinder der verstorbenen Patientin warfen dem Gyn\u00e4kologen vor Gericht vor, dass er eine gastroenterologische Abkl\u00e4rung h\u00e4tte veranlassen m\u00fcssen. Zumindest h\u00e4tte er von sich aus die Patientin zur Wiedervorstellung auffordern oder nachfragen m\u00fcssen, was der Urologe geraten habe.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Gericht weist Haftungsklage ab<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Im Ergebnis wies das Gericht die Klage ab. Begr\u00fcndung: Es sei dem Gyn\u00e4kologen nicht vorwerfbar, dass er eine weitere medizinische Abkl\u00e4rung unterlassen habe. Als \u201ePrim\u00e4rbehandler\u201c sei der Hausarzt f\u00fcr die Koordination der Behandlung verantwortlich gewesen. Vom Gyn\u00e4kologen habe nicht verlangt werden k\u00f6nnen, dass er nach der urologischen Untersuchung von sich aus t\u00e4tig wird, um bei der &#8211; nicht erschienenen &#8211; Patientin doch noch eine Kontrollvorstellung herbeizuf\u00fchren. Eine solche Pflicht h\u00e4tte der Gyn\u00e4kologe nach Ansicht des OLG Hamm nur bei einer erkennbaren massiven Gef\u00e4hrdungssituation haben k\u00f6nnen &#8211; etwa bei einem Tumorverdacht. Da diese nicht vorlag, habe der Gyn\u00e4kologe aus dem Fernbleiben der Patientin folgern d\u00fcrfen, dass sich deren Beschwerden gebessert h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\"><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> Neben Chef\u00e4rzten sind auch Ober\u00e4rzte haftungsrechtlich betroffen, wenn es um organisatorische Abl\u00e4ufe in der Abteilung geht &#8211; vor allem, wenn ihnen ein bestimmter Bereich \u00fcbertragen wurde. Hier muss der Oberarzt daf\u00fcr sorgen, dass die Behandlungen und Kommunikationsabl\u00e4ufe lege artis erfolgen. Dies kann der Oberarzt durch Anweisungen an das nachgeordnete \u00e4rztliche und nicht\u00e4rztliche Personal sowie durch gelegentliche Kontrollen sicherstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann der Oberarzt die Patienten nicht zwingen, sich einer Nachkontrolle oder einer weiteren diagnostischen Aufkl\u00e4rung zu unterziehen. Wenn der Patient dem fernbleibt, obwohl von \u00e4rztlicher Seite alles M\u00f6gliche und Gebotene getan wurde, scheidet ein Behandlungsfehler aus. Bei einem solchen Verhalten ist zumindest ein Mitverschulden des Patienten m\u00f6glich.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Fall 2: Patient nimmt seine Kontrolltermine nicht wahr<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Im Hinblick auf die oft prozessentscheidende Beweislastverteilung hat das OLG Saarbr\u00fccken mit Urteil vom 4. Februar 2015 eine interessante Entscheidung getroffen: Wenn der Patient Kontrolltermine nicht wahrnimmt und dadurch den Heilungsverlauf erheblich gef\u00e4hrdet, scheidet eine Beweislastumkehr zu seinen Gunsten aus (Az. <a class=\"dejure\" title=\"1 U 27\/13 (3 zugeordnete Entscheidungen)\" href=\"http:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=1%20U%2027\/13\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1 U 27\/13<\/a>, Abruf-Nr. <a href=\"http:\/\/www.iww.de\/oh\/quellenmaterial\/abrufnummer\/145767\">145767<\/a>). Das bedeutet: Der Patient selbst muss also zum Beispiel belegen, dass ein Behandlungsfehler des Arztes vorliegt.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<p class=\"Grundtext\">In diesem Fall ging es um einen Patienten, der wegen eines akuten Abdomens in die Klinik aufgenommen wurde und noch am gleichen Tag operiert werden musste. In der Bauchh\u00f6hle wurde eine Peritonitis festgestellt. Die umfangreiche Operation umfasste auch die Entfernung der stark entz\u00fcndeten Gallenblase. Trotz nachfolgender und erkennbarer Komplikationen wurde keine Kontrastmittel-R\u00f6ntgendarstellung durchgef\u00fchrt; mit ihr h\u00e4tte man festgestellt, ob der Gallengang verletzt ist. Danach h\u00e4tte die erforderliche Behandlung eingeleitet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Behandlungsfehler: ja &#8211; weiteres Schmerzensgeld: nein<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Die unterbliebene Kontrastmittel-R\u00f6ntgendarstellung wertete das Gericht als Behandlungsfehler. Trotzdem wies es die Haftungsklage ab. Der Patientenseite st\u00fcnden nicht mehr als 15.000 Euro an Schmerzensgeld zu, die jedoch bereits au\u00dfergerichtlich gezahlt worden waren. Mehr Schmerzensgeld st\u00fcnde ihr nicht zu, da die Kausalit\u00e4t der sp\u00e4teren Komplikationen f\u00fcr das Versterben nicht festst\u00fcnden und der Patient durch sein Fernbleiben den Heilungsverlauf erheblich gef\u00e4hrdet habe. Daher k\u00f6nne ihm auch keine Beweislastumkehr zugute kommen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Vorsicht: Mitverschulden auf Patientenseite selten justiziabel<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Trotz dieses aktuellen Urteils gilt: Die Gerichte sind generell eher zur\u00fcckhaltend, ein Mitverschulden bei Patienten zu bejahen. Zwar darf grunds\u00e4tzlich vom Patienten erwartet werden, dass er den Therapie- und Kontrollanweisungen des Arztes folgt. Allerdings hat der Arzt einen Wissens- und Informationsvorsprung gegen\u00fcber dem Patienten als medizinischen Laien und muss daher sicherstellen, dass dieser deutlich dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt wird, warum eine bestimmte Ma\u00dfnahme notwendig ist.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<p class=\"Grundtext\">Dabei muss der Arzt daf\u00fcr sorgen, dass der Patient seine Hinweise auch versteht. Je dringlicher der medizinische Handlungsbedarf beim Patienten ist, desto st\u00e4rker muss der Arzt auf ihn einwirken.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\"><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> Gerade wenn es dem Oberarzt nicht gelingt, mit dem Patienten Kontakt aufzunehmen oder dieser sich als \u201eschwierig\u201c erwiesen hat, sollte in der Patientenakte besonders sorgf\u00e4ltig dokumentiert werden. Wird dem Patienten \u201ehinterhertelefoniert\u201c, sollten Zeitpunkt und Inhalt des Telefonats bzw. die Anzahl der Anrufversuche festgehalten werden. Auch Anrufe bei Angeh\u00f6rigen oder dem Hausarzt sollten niedergeschrieben werden, um einem Haftungsprozess m\u00f6glichst vorzubeugen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rechtsanw\u00e4ltin Henriette Nehse, armedis Rechtsanw\u00e4lte, Hannover, www.armedis.de Immer wieder kommt es vor, dass sich Patienten nicht wieder melden oder nicht erscheinen &#8211; obwohl zum Beispiel ein Termin zur Nachkontrolle vereinbart wurde oder ein&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[16],"tags":[77],"class_list":["post-346","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-recht","tag-arzthaftung"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wann muss der Oberarzt einem nicht erschienenen Patienten \u201ehinterhertelefonieren\u201c? 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