{"id":483,"date":"2016-06-28T10:29:38","date_gmt":"2016-06-28T10:29:38","guid":{"rendered":"http:\/\/oberarztheute.apps-1and1.net\/?p=483"},"modified":"2017-11-28T10:31:09","modified_gmt":"2017-11-28T10:31:09","slug":"modernes-instrument-telemedizin-hat-sie-auch-risiken-und-nebenwirkungen-fuer-den-arzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=483","title":{"rendered":"Modernes Instrument Telemedizin: Hat sie auch Risiken und Nebenwirkungen f\u00fcr den Arzt?"},"content":{"rendered":"<p class=\"Autorenzeile\"><em>von Rosemarie Sailer, LL.M., Fachanw\u00e4ltin f\u00fcr Medizinrecht, Wienke &amp; Becker &#8211; K\u00f6ln, <\/em><a href=\"http:\/\/www.kanzlei-wbk.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>www.kanzlei-wbk.de<\/em><\/a><\/p>\n<p class=\"Grundtext\"><strong>Im Zeitalter der Digitalisierung schafft die Telemedizin eine neue Form der \u00e4rztlichen Zusammenarbeit sowie der Patientenversorgung. Vorteil: Expertenwissen wird effizient genutzt, Doppeluntersuchungen werden vermieden und Befundm\u00f6glichkeiten ausgeweitet. Kurzum: Die Versorgung wird schneller und qualit\u00e4tsgesichert &#8211; insbesondere in l\u00e4ndlichen Regionen. W\u00e4hrend die Teleradiologie mancherorts schon Routine ist, schaltet in einzelnen modernen Praxen sogar der Hausarzt einen Internisten per Video bei der Behandlung zu. Doch wer haftet, wenn dabei etwas schiefgeht?<!--more--><\/strong><\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Verbot der Fernbehandlung<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Die Telemedizin ist untrennbar mit dem \u201eFernbehandlungsverbot\u201c verbunden. Dieses ist in \u00a7 7 Abs. 4 Musterberufsordnung f\u00fcr \u00c4rzte (MBO-\u00c4) geregelt.<\/p>\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kastenueberschrift\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<div class=\"Ueberschrift-klein\">\n<ul class=\"gross\">\n<li><em>\u00a7 7 Abs. 4 MBO-\u00c4<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"KastenPurZelle\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<div class=\"Grundtext-Kasten\">\n<p><em>\u201e (&#8230;) \u00c4rzte d\u00fcrfen individuelle \u00e4rztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber Print- und Kommunikationsmedien durchf\u00fchren. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gew\u00e4hrleisten, dass (&#8230;) ein Arzt (&#8230;) den Patienten unmittelbar behandelt.\u201c<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p class=\"Grundtext\">Diese Vorschrift wird so ausgelegt, dass eine individuelle Behandlung zwingend einen Arzt-Patienten-Kontakt mit \u201eallen f\u00fcnf Sinnen\u201c erfordert. Das hei\u00dft: Der Patient muss sich beim Arzt pers\u00f6nlich vorstellen. Eine Beratung ausschlie\u00dflich \u00fcber Telekommunikationsmittel ist daher nicht zul\u00e4ssig. Der behandelnde Arzt soll sich also von dem Patienten durch die eigene Wahrnehmung ein unmittelbares Bild verschaffen und sich nicht auf dessen Schilderungen oder Informationen Dritter verlassen m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Hinzuziehung eines Facharztes per Video erlaubt?<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Was aber gilt, wenn der Patient zwar von einem Arzt behandelt wird, dieser aber einen Experten oder bestimmten Facharzt via Telemedizin zu Rate zieht? Es bestehen bereits Modelle, bei denen der behandelnde Arzt einen HNO- oder Kardiologie-Facharzt live der Behandlung zuschaltet und sich von diesem Diagnosen best\u00e4tigen, Therapieempfehlungen aussprechen oder das Endoskop durch Ansagen \u201esteuern\u201c l\u00e4sst. Ist dies verboten, weil sich der Patient dem zugeschalteten Facharzt gerade nicht pers\u00f6nlich vorgestellt hat?<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Soll der externe Arzt eine \u201eKompetenzl\u00fccke\u201c des behandelnden Arztes vor Ort f\u00fcllen &#8211; etwa weil Spezialwissen fehlt oder der externe Arzt ein anderes Fachgebiet hat -, liegt eine \u201eMitbehandlung\u201c des externen Arztes vor, da er das Behandlungsgeschehen und die Entscheidung des behandelnden Arztes beeinflusst. Eine solch wegweisende Beeinflussung durch den zugeschalteten Experten ist jedoch nach dem zitierten Fernbehandlungsverbot aus \u00a7 7 Abs. 4 MBO-\u00c4 nur erlaubt, wenn er den Patienten selbst gesehen bzw. untersucht hat. Zudem w\u00e4re der fach\u00e4rztliche Standard nicht gewahrt.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Erlaubt: Zwei \u00c4rzte desselben Fachgebiets beraten sich<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Erlaubt ist es jedoch, wenn sich zwei \u00c4rzte eines Fachgebiets untereinander telemedizinisch abstimmen, ohne dass der externe Arzt die Entscheidung beeinflusst. Die Verantwortung f\u00fcr die Behandlung und damit die Haftung liegt dann in der Regel allein beim vor Ort behandelnden Arzt. Zwischen dem zugezogenem Arzt und dem Patienten entsteht kein Behandlungsverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kastenueberschrift\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<div class=\"Ueberschrift-klein\">\n<ul class=\"gross\">\n<li>Beispiel<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"KastenPurZelle\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<div class=\"Grundtext-Kasten\">\n<p>Ein behandelnder Radiologe zieht einen externen Radiologen telekonsiliarisch zu Rate, um sich &#8211; nach vorangegangener Untersuchung &#8211; gemeinsam zu beraten und eine Diagnose zu stellen oder eine Therapie festzulegen.<\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h2 class=\"Ueberschrift-klein\">Nicht erlaubt: Irgendein Arzt zieht Experten hinzu<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">\u00a7 7 Abs. 4 MBO-\u00c4 darf nicht in dem Sinne verstanden werden, dass irgendein Arzt den Patientenkontakt herstellt. Vielmehr muss das immer der behandelnde Arzt des Fachgebiets sein. Nur er darf Diagnose und Therapieplan festlegen, da nur er beurteilen kann, auf welche individuellen Gesamtumst\u00e4nde des Patienten zu achten ist und ob Kontraindikationen, Komorbidit\u00e4ten etc. vorliegen. Hierzu das Beispiel eines unerlaubten Telekonsils.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kastenueberschrift\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<div class=\"Ueberschrift-klein\">\n<ul class=\"gross\">\n<li>Beispiel<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td class=\"KastenPurZelle\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<div class=\"Grundtext-Kasten\">\n<p>Der Patient sucht bei Bauchschmerzen einen ihm bekannten HNO-Arzt auf, da er hier rasch einen Termin erh\u00e4lt. Dieser schaltet per Video einen Internisten zu, damit dieser den \u201eakuten Bauch\u201c beurteilt.<\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Haftung bei Mitbehandlung<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Auch f\u00fcr die Frage der Haftung ist entscheidend, inwieweit der hinzugezogene Experte am Behandlungsgeschehen beteiligt ist und ob sein Beitrag als (Mit-)Behandlung zu werten ist; dann n\u00e4mlich w\u00fcrde er auch f\u00fcr eigene Fehler gegen\u00fcber dem Patienten haften. Dabei ist es belanglos, dass der Patient mit dem hinzugezogenen Arzt nicht in einer vertraglichen Beziehung steht.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Fachgleiches und fachfremdes Telekonsil<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Beim Telekonsil ist also &#8211; wie geschildert &#8211; danach zu unterscheiden, ob es zwischen \u00c4rzten gleicher oder unterschiedlicher Fachrichtung abgehalten wird. Denkbar ist jedoch auch, dass der hinzugezogene fachgleiche Arzt aufgrund seines \u00fcberlegenen Wissens die Behandlung derart steuert und in den Behandlungsplan eingreift, dass sein Beitrag als Mitbehandlung zu qualifizieren ist. In diesen F\u00e4llen kommt z. B. neben der Haftung des behandelnden Radiologen auch eine Haftung des hinzugezogenen Radiologen in Betracht.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<p class=\"Grundtext\">Im Fall des fachfremden Telekonsils wendet sich ein Arzt eines anderen Fachgebiets an den Radiologen, um seine eigene fehlende Fachkompetenz zu \u00fcberbr\u00fccken. Hier handelt es sich faktisch um einen Fall der Mitbehandlung, da der Radiologe z. B. durch die verbindliche Diagnosestellung ma\u00dfgeblich in das Behandlungsgeschehen eingreift. F\u00fcr Fehler tr\u00e4gt er daher die volle Verantwortung. Sind keine offensichtlichen Fehler des Radiologen erkennbar, kann sich der behandelnde fachfremde Arzt vor Ort grunds\u00e4tzlich auf dessen Meinung verlassen &#8211; mangels Verschuldens haftet er nicht.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Haftung f\u00fcr technische Fehler<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Problematisch ist die Haftungsverteilung, wenn zwar der Rat des hinzugezogenen Radiologen aufgrund der ihm vorgelegten Daten richtig ist, die Daten aber ihrerseits fehlerbehaftet sind. Beispiel: Es werden nach einer Verwechslung Bilder eines falschen Patienten \u00fcbermittelt bzw. die Bildqualit\u00e4t ist sehr schlecht. Liegt die fehlerhafte \u00dcbermittlung in der Sph\u00e4re des vor Ort behandelnden Arztes &#8211; etwa aufgrund mangelhafter Sorgfalt des Personals in seiner Klinik -, so ist er f\u00fcr die falsche Diagnose verantwortlich. Der beratende Radiologe haftet nur dann, wenn die Verwechslung oder die schlechte \u00dcbertragung f\u00fcr ihn offensichtlich ist und er es unterlassen hat, die Daten einer gewissen Plausibilit\u00e4tskontrolle zu unterziehen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n<div class=\"tabelle_scroll\">\n<table class=\"basis-tabelle\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"05\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"Kasteninhalt\" colspan=\"1\" rowspan=\"1\">\n<blockquote><p><b>PRAXISHINWEIS | <\/b> Um die jeweiligen Verantwortungsbereiche sicher voneinander abzugrenzen, empfiehlt es sich vor allem f\u00fcr den vor Ort behandelnden Arzt, die Begr\u00fcndung der eigenen Therapieentscheidung sorgf\u00e4ltig zu dokumentieren. Grunds\u00e4tzlich gilt, dass der Patient durch die Nutzung der Telemedizin nicht schlechter gestellt sein darf als bei einer Untersuchung vor Ort. Damit Sie als Arzt Haftungsrisiken beim Einsatz von Telemedizin vermeiden, sollten Sie zudem besonders darauf achten, den Patienten ordnungsgem\u00e4\u00df aufzukl\u00e4ren.<\/p><\/blockquote>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Fazit<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Telemedizinische Verfahren, bei denen der hinzugezogene Facharzt so gro\u00dfen Einfluss nimmt, dass er das Behandlungsgeschehen beherrscht und der vor Ort behandelnde Arzt nicht \u00fcber die gleichwertigen Fachkenntnisse verf\u00fcgt, stehen nach Ansicht der Verfasserin daher mit den derzeit geltenden berufsrechtlichen Ma\u00dfgaben des Fernbehandlungsverbots nicht im Einklang. Auch aus Gr\u00fcnden der Haftung und des Patientenschutzes sind solche telemedizinischen Verfahren abzulehnen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Wird das aktuelle Fernbehandlungsverbot jedoch angepasst, k\u00f6nnte man \u00fcber eine Ausweitung telemedizinischer Behandlungsverfahren nachdenken. Dabei muss aber letztlich jeder verantwortlich behandelnde Arzt aus seiner Perspektive &#8211; mit Blick auf den jeweiligen Einzelfall &#8211; gew\u00e4hrleisten, dass telemedizinische Verfahren den Patienten nicht benachteiligen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rosemarie Sailer, LL.M., Fachanw\u00e4ltin f\u00fcr Medizinrecht, Wienke &amp; Becker &#8211; K\u00f6ln, www.kanzlei-wbk.de Im Zeitalter der Digitalisierung schafft die Telemedizin eine neue Form der \u00e4rztlichen Zusammenarbeit sowie der Patientenversorgung. 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