{"id":7575,"date":"2020-01-03T11:41:00","date_gmt":"2020-01-03T11:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=7575"},"modified":"2020-11-02T08:58:15","modified_gmt":"2020-11-02T08:58:15","slug":"sexuelle-belaestigung-im-krankenhaus-ein-report-nennt-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=7575","title":{"rendered":"Sexuelle Bel\u00e4stigung im Krankenhaus: Ein Report nennt Zahlen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zum ersten Mal hat Medscape einen detaillierten Report zu sexueller Bel\u00e4stigung in Kliniken und Praxen in Deutschland durchgef\u00fchrt. Die Berichte, die \u00c4rzte, \u00c4rztinnen und Pflegepersonal in der gro\u00dfen Umfrage anonym geschildert haben, sind beunruhigend und bisweilen schockierend.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>\u00dcber 1.000 Personen haben an der Online-Umfrage teilgenommen, in erster Linie \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, knapp ein F\u00fcnftel davon Assistenz\u00e4rztinnen und -\u00e4rzte. F\u00fcr diesen Report \u00fcber sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz befragte Medscape auch Krankenpfleger und Krankenschwestern. Die Ergebnisse der Auswertung des umfangreichen Fragebogens, der in den Monaten Juni bis September 2019 zur Beantwortung stand, zeichnet ein detailliertes Bild \u00fcber Bel\u00e4stigungen verschiedener Art: Von aufreizender Anmache bis hin zu Grabschen und sogar Vergewaltigungen \u2013 ein gro\u00dfes Spektrum von \u00fcbergriffigen Verhaltensweisen, die im Arbeitsumfeld des Gesundheitswesens stattfinden.<\/p>\n<p>Jeder Mensch hat \u2013 abh\u00e4ngig vom kulturellen Hintergrund und Erziehung \u2013 andere Vorstellungen, was man als sexuelle Bel\u00e4stigung oder Missbrauch einstufen sollte. Definiert wurden neun verschiedene Arten der sexuellen Bel\u00e4stigung. Das Spektrum geht von anz\u00fcglichen E-Mails bis hin zur Vergewaltigung.<\/p>\n<h3>Patienten als Aggressoren<\/h3>\n<p>Die \u00dcbergriffe auf \u00c4rztinnen und \u00c4rzte kommen drei Mal h\u00e4ufiger von Patienten als aus dem Kollegenkreis, von medizinischem Personal oder von Verwaltungsangestellten.<\/p>\n<p>Die Frage, ob einer ihrer Patienten in den vergangen drei Jahren eine sexuell \u00fcbergriffige Verhaltensweise an den Tag gelegt hat, entweder direkt in Ihrem Arbeitsumfeld oder auch au\u00dferhalb, bejahen 24% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte. Noch drastischer f\u00e4llt die Antwort bei Krankenpflegern\/-innen aus: 38% habe solche Bel\u00e4stigungen von Patienten in den vergangenen drei Jahren erlebt. Zum Vergleich: Nur 10% erlebten diese von Kollegen, von medizinischem Personal oder von Verwaltungsangestellten.<\/p>\n<p>Eine Assistenz\u00e4rztin hatte w\u00e4hrend ihrer Weiterbildung in der Klinik einige unangenehme Situationen mit Patienten erlebt: \u201eUnangemessene Ber\u00fchrungen bei k\u00f6rperlicher Untersuchung oder Mobilisation, Bitten um Untersuchung im Genitalbereich. Zum Patientengespr\u00e4ch lag der Patient nackt mit gespreizten Beinen im Bett und bat darum, mich zu ihm zu setzen.\u201c H\u00e4ufig seien dies \u00e4ltere Patienten gewesen, die noch den Kommentar anh\u00e4ngten: \u201eWenn ich noch j\u00fcnger w\u00e4re &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Aber sie kennt auch die Fragen von j\u00fcngeren Patienten in der Notaufnahme nach ihrer Telefonnummer oder nach einem Date. Und wie reagierte sie dann? \u201eEs ist erstaunlich, wie leicht es f\u00e4llt, sich dem \u201ehierarchisch unterlegenen\u201c Patienten gegen\u00fcber energisch zur Wehr zu setzen, w\u00e4hrend man gegen\u00fcber Vorgesetzten quasi erstarrt und alles \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst\u201c, sagt die Medizinerin.<\/p>\n<p>Diese \u00dcbergriffe haben \u00c4rztinnen und \u00c4rzte dieser Umfrage in den vergangenen drei Jahren erlebt: <br>\u2022 Am h\u00e4ufigsten wurden sowohl \u00c4rztinnen und \u00c4rzte als auch \u00c4rztinnen nach einem Date gefragt. Jeder 2. hat eine solche Einladung von einem Patienten bekommen.<br>\u2022 40% der \u00c4rztinnen mussten unliebsame Ber\u00fchrungsversuche abwehren. Aber nur 14% der M\u00e4nner.<br>\u2022 Relativ h\u00e4ufig sind sexuelle Ann\u00e4herungsversuche jeglicher Art. Mehr als ein Drittel aller weiblichen aber auch m\u00e4nnlichen Kollegen erlebten dies in ihrem Joballtag. <br>\u2022 Eindeutige Fragen und Aufforderungen zum Sex kennen immerhin 7% der \u00c4rztinnen und 9% ihrer m\u00e4nnlichen Kollegen. <br>\u2022 Mehr M\u00e4nner hatten, wie zu erwarten, damit zu k\u00e4mpfen, dass sie f\u00e4lschlicherweise beschuldigt wurden. 5% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte waren mit solchen Vorw\u00fcrfen von Patienten konfrontiert.<\/p>\n<p>Krankenpfleger\/-innen machen mit Patienten nicht nur h\u00e4ufiger sexuell \u00fcbergriffige Erfahrungen als Mediziner (38% versus 24%). Die Patienten sind ihnen gegen\u00fcber vor allem unversch\u00e4mter und r\u00fccksichtsloser als gegen\u00fcber \u00c4rzten, bei denen sich Patienten anscheinend nicht so viel trauen. Erschreckend ist, dass 74% des Pflegepersonals unangemessene Ber\u00fchrungsversuche erlebt haben. Jeder 4. wurde offen nach Sex gefragt. Dagegen wollten die Patienten mit ihren Pflegern\/-innen deutlich seltener ein Date als mit ihren \u00c4rzten (21% versus 50%).<\/p>\n<p>Die wichtigste Botschaft dieser Umfrage ist, dass die meisten \u00c4rztinnen und \u00c4rzte versuchen, diese Avancen h\u00f6flich und bestimmt abzulehnen und die Patienten in ihre Schranken verweisen. Die Frage nach einem Date aber auch k\u00f6rperliche \u00dcbergriffe werden rigoros abgelehnt (72% und 60%). Aufreizendes Verhalten verbitten sich dagegen nur 56% der \u00c4rzte. Ungef\u00e4hr jeder 2. holt sich k\u00fcnftig einen Mitarbeiter dazu, damit er mit dem Patienten nicht allein im Zimmer ist. Radikaler handelte jeder 10. Arzt, indem er den Patienten rausschmiss, wenn er sich aufreizend oder \u00fcbergriffig verhielt.<\/p>\n<p>Ein anderer Kollege hat eine spezielle Vorsichtsma\u00dfnahme ergriffen: \u201eAls Arzt in einer gehobenen Position ist man immer wieder Ann\u00e4herungsversuchen von Frauen ausgesetzt. Aus diesem Grunde habe ich entschieden, Frauen vom 16. bis zum 45. Lebensjahr nur in Begleitung einer Pflegekraft zu untersuchen und zu behandeln!\u201c<\/p>\n<h3>Bel\u00e4stigung durch Kolleginnen oder Kollegen<\/h3>\n<p>Auch wenn sexuelle Bel\u00e4stigungen im Kollegenkreis seltener vorkommen als durch Patienten, sind sie dennoch schwerwiegender: Man m\u00fcsste mit den T\u00e4tern meist weiter zusammenarbeiten. Das Arbeitsklima und die pers\u00f6nliche Befindlichkeit leiden darunter oft irreparabel. Manchmal hilft in einem solchen Fall dem Opfer nur die K\u00fcndigung \u2013 das Opfer ist doppelt gestraft.<\/p>\n<blockquote>\n<p>[!] \u201eSie k\u00f6nnen gewiss sein, dass es kein Krankenhaus ohne Mobbing, sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz und Intrigen gibt.\u201c<br>Ein Thorax- und Gef\u00e4\u00dfchirurg aus Th\u00fcringen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In Deutschland haben 7% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte in den vergangenen drei Jahren selbst Erfahrungen mit sexueller Bel\u00e4stigung in ihrem Arbeitsumfeld gemacht. 15% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte konnten sexuelle Bel\u00e4stigungen in ihrem Umfeld beobachten. Nur einer von 100 \u00c4rzten erw\u00e4hnte in unserer Umfrage, dass ihm in den vergangenen 3 Jahren ein Fehlverhalten vorgeworfen wurde.<\/p>\n<p>Wer denkt, dass nur junge Menschen im Job mit anz\u00fcglichen Kommentaren, frauenfeindlichen Witzen oder k\u00f6rperlichen \u00dcbergriffen zu k\u00e4mpfen haben, verkennt die Situation im Alltag. Erstaunlicherweise haben erfahrene Kollegen, im Alter zwischen 40 und 49 am h\u00e4ufigsten mit Bel\u00e4stigungen verschiedener Art zu k\u00e4mpfen. Unter den Jungen sind dies 15% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte. Aber vielleicht spielt auch die Hierarchie eine Rolle: Assistenz\u00e4rztinnen und -\u00e4rzte erleben doppelt so h\u00e4ufig Bel\u00e4stigungen dieser Art wie ihre Facharztkollegen (15% versus 7%).<\/p>\n<p>Wie unterscheiden sich die Erfahrungen von Frauen und M\u00e4nnern? Beinahe jede 7. \u00c4rztin (13%) hat selbst schon mindestens ein Mal in den vergangenen drei Jahren sexuelle Bel\u00e4stigungen erlebt. Dagegen berichtet nur einer von 25 M\u00e4nnern von einem derartigen \u00dcbergriff.<\/p>\n<p>Gibt es Unterschiede in den Erfahrungen von \u00c4rzten und Pflegepersonal? Die Berufsgruppe der Krankenpfleger mit einem hohen Anteil an weiblichen Mitarbeitern, sind fast in gleichem Ma\u00dfe (10%) von Bel\u00e4stigungen betroffen wie \u00c4rztinnen (13%), zeigen die Ergebnisse \u2013 die jedoch in dieser Umfrage nur auf einer relativ kleinen Stichprobe beruhen. 20% des Pflegepersonals hatten ein Fehlverhalten in ihrem Arbeitsumfeld beobachtet.<\/p>\n<p>Weil das Spektrum von Bel\u00e4stigungen so breit ist, bat Medscape die Teilnehmer, die bel\u00e4stigt wurden, um genauere Angaben, was ihnen passiert ist. Am h\u00e4ufigsten sind verbale und nonverbale Varianten von Fehlverhalten: Bl\u00f6de Kommentare zur Figur, anz\u00fcgliche Blicke, peinliche \u201eKomplimente\u201c. 61% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte haben im Job-Alltag damit zu tun.<\/p>\n<p>Eine junge \u00c4rztin um die 30 aus Berlin musste sich zum Beispiel st\u00e4ndig anz\u00fcgliche Witze anh\u00f6ren. Sie wurde auch gefragt, ob sie \u201euntenrum rasiert\u201c w\u00e4re. Der Aggressor war in ihrem Fall eine Frau, ihre Ober\u00e4rztin. Die Betroffene sch\u00e4mte sich und war einem Burnout nahe. Letztlich k\u00fcndigte sie.<\/p>\n<p>Viele Kollegen \u00fcberschreiten auch den als angenehm empfundenen k\u00f6rperlichen Abstand. Mehr als jedem 2. Arzt oder jeder 2. \u00c4rztin r\u00fccken die Kollegen zu eng auf die Pelle, oder sie m\u00fcssen zum Beispiel unerw\u00fcnschte Umarmungen oder \u201eKussversuche\u201c \u00fcber sich ergehen lassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Assistenz\u00e4rztin in der Zahnmedizin in Baden-W\u00fcrttemberg endete eine Feier auf diese Weise: \u201eEin Kollege schubste mich in eine Ecke, begrabschte mich und behauptete ich h\u00e4tte ihn den ganzen Abend angeflirtet. Erst als jemand vorbeilief, hat er aufgeh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>7% der \u00dcbergriffe sind von dieser massiven Art: Vergewaltigungen oder erzwungenes Anfassen an bestimmten K\u00f6rperteilen. Die Auswertung ergab auch, dass die Opfer nicht selten bedroht werden (7%), wenn sie nicht auf die Avancen eingehen. Oder ihnen wird eine berufliche F\u00f6rderung versprochen, wenn sie sexuelle Gef\u00e4lligkeiten leisten (7%).<\/p>\n<h5>Die \u00dcbergriffe finden meist in der \u00d6ffentlichkeit statt<\/h5>\n<p>Die R\u00e4ume, in denen es zu den \u00dcbergriffen kam, sind erstaunlich \u00f6ffentlich: Im Sprechzimmer, im OP-Saal, auf dem Flur. Das B\u00fcro des T\u00e4ters, wo man Privatheit vermuten w\u00fcrde, steht erst an 3. Stelle. Die Parkgarage, ein Ort, vor dem viele Frauen Angst haben, war dagegen nur in 4% der F\u00e4lle der Tatort.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen der Beobachter machen eines deutlich: Im Arbeitsalltag gibt es h\u00e4ufig Zeugen. Diese nennen mit \u00e4hnlichen H\u00e4ufigkeiten die verschiedenen Formen von Fehlverhalten wie die Opfer. Ihre Wahrnehmung unterscheidet sich also kaum von den Erlebnissen der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte und \u00c4rztinnen, die selbst bel\u00e4stigt wurden.<\/p>\n<blockquote>\n<p>[!] Im Gesamtdurchschnitt waren deutlich mehr M\u00e4nner T\u00e4ter (68%) als Frauen (32%). Frauen wurden zu 97% von M\u00e4nnern bel\u00e4stigt.<\/p>\n<\/blockquote>\n<h5>Dreistigkeit ist oft auch eine Frage der Macht<\/h5>\n<p>Nur in etwa 9% der F\u00e4lle kam das Fehlverhalten von Kollegen auf gleicher Hierarchie-Ebene. In fast der H\u00e4lfte der F\u00e4lle (47%) war der T\u00e4ter eine Vorgesetzte oder ein Vorgesetzter oder auf einer h\u00f6heren Ebene angesiedelt. Allerdings gingen in 44% der F\u00e4lle die Bel\u00e4stigungen von Kollegen einer niedrigeren Hierarchie-Ebene aus.<\/p>\n<p>Ein Arzt aus Baden-W\u00fcrttemberg, Anfang 40, erlebte h\u00e4ufiger, dass Krankenschwestern zu nahe an ihn ran r\u00fcckten oder sogar ihre Br\u00fcste an seinen Kopf oder Gesicht pressten, als er auf einem Stuhl sa\u00df. \u201eAls Mann und Arzt ist es normalerweise nicht so schlimm, Frauen haben es da deutlich schwerer, insbesondere in der Pflege\u201c, kommentierte er seine Erlebnisse.<\/p>\n<p>Eine An\u00e4sthesistin in ihren 50ern aus Hessen erlebte folgende Szene: \u201eEin Krankenpfleger meinte beim Starten eines Ger\u00e4tes im OP, dass es sich anh\u00f6re, wie wenn mein Vibrator runtergefallen w\u00e4re. Die m\u00e4nnlichen Kollegen lachten. Einige Minuten sp\u00e4ter diskutierten sie \u00fcber das Problem einer trockenen Scheide.\u201c Nach solchen \u00c4u\u00dferungen ging es ihr schlecht, berichtet die \u00c4rztin. Sie reichte bei der \u00c4rztlichen Direktorin Beschwerde ein. Passiert sei daraufhin aber \u201enicht viel, weil sich die T\u00e4ter zusammengeschlossen hatten und die Vorw\u00fcrfe leugneten\u201c.<\/p>\n<h5>Was machen solche Erlebnisse mit den Betroffenen?<\/h5>\n<p>Fast die H\u00e4lfte der \u00c4rzte, die eine Bel\u00e4stigung erlebt haben, stufen diese Erfahrung als verletzend bis sehr verletzend ein (Grad 4 und 5). Allerdings speichern auch drei von 10 \u00c4rzten diese Erlebnisse nicht oder kaum mit negativen Gef\u00fchlen ab. Wer im Arbeitsumfeld einer Bel\u00e4stigung ausgesetzt war, ist auf der Hut und f\u00fcrchtet weitere \u00dcbergriffe. M\u00f6glicherweise meidet man bestimmte Kollegen oder man verh\u00e4lt sich im Team lieber defensiver und geht in Deckung. 39% der Betroffenen geben an, dass das Erlebte ihre Arbeit stark beeintr\u00e4chtigt hat.<\/p>\n<p>Gro\u00df ist der Anteil derer, die Aufdringlichkeiten anders verarbeiten und im Job genauso gut performen wie zuvor. 44% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte f\u00fchlen sich nach einer sexuellen Bel\u00e4stigung nicht oder \u00fcberhaupt nicht beeintr\u00e4chtigt. Eine Kinder\u00e4rztin aus Bayern, Anfang 60, erz\u00e4hlt: \u201eIch habe gelegentlich sehr direkte Komplimente \u00fcber mich oder mein Aussehen bekommen, hinter denen durchaus ein Wunsch nach Mehr gestanden haben kann. Aber wenn ich freundlich l\u00e4chelnd ein abschlie\u00dfendes Dankesch\u00f6n ohne M\u00f6glichkeit zum Ankn\u00fcpfen gesagt habe, kam nie Weiteres hinterher. Und diese Komplimente habe ich nicht als sexuelle Bel\u00e4stigung empfunden.\u201c<\/p>\n<h5>Resignation statt Meldung<\/h5>\n<p>Bemerkenswert ist diese Zahl: 75% der Opfer haben den T\u00e4ter nicht gemeldet. Am h\u00e4ufigsten sprachen die Betroffenen mit Kollegen \u00fcber Ihr unangenehmes Erlebnis. Der direkte Chef oder sogar die Polizei wurden dagegen kaum oder gar nicht ins Vertrauen gezogen.<\/p>\n<p>Und wie haben die Opfer gegen\u00fcber den Aggressoren reagiert? Nur 40% der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte haben dem T\u00e4ter gesagt, er solle mit seinem unversch\u00e4mten Verhalten aufh\u00f6ren. 11% haben sich ihm mitgeteilt und ihm erkl\u00e4rt, wie sich seine Aktionen anf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Eine Psychiaterin aus NRW, Anfang 40 und angestellt in einer Rehaklinik, sprach zwei Kollegen an, die ihr \u201ewieder holt Textnachrichten und Filmchen mit nackten Frauen geschickt oder gezeigt hatten, unter dem Deckmantel von Spa\u00df\u201c. Doch sie fand dies alles andere als lustig. \u201eIch habe den mir unterstellten Kollegen mehrfach gesagt, dass ich so etwas nicht w\u00fcnsche. Erst als ich ihnen mitteilte, dass ihr Verhalten in Richtung sexuelle Bel\u00e4stigung geht und abmahnw\u00fcrdig w\u00e4re, kam es langsam zum Erliegen\u201c, berichtet sie und erw\u00e4hnt, dass auch andere Kollegen von den beiden \u201emit solchem M\u00fcll\u201c bel\u00e4stigt wurden. Frustriert ist sie dar\u00fcber, dass eine j\u00fcngere Kollegin diese Aktionen als Kompliment empfunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ufigste Argument f\u00fcr das Verschweigen eines Fehlverhaltens scheint diese Aussage sein: \u201eIch habe Angst, dass mir vorgeworfen wird, \u00fcberreagiert zu haben.\u201c Auch eine Assistenz\u00e4rztin aus Hessen nannte diesen Grund, warum Sie die st\u00e4ndigen Ber\u00fchrungen ihres Chefs an ihrer Taille und seine Kommentare zu ihrer Figur nicht publik machte: \u201eGenau wie die anderen wehre auch ich mich in diesen Momenten nicht, da immer zahlreiche andere Mitarbeiter herumstehen und man schnell als \u00fcberempfindlich gilt. Ferner sorgt man sich nat\u00fcrlich um die eigene Weiterbildung.\u201c<\/p>\n<p>Jeweils ein Viertel der Betroffenen hat scheinbar resigniert und war der Meinung, dass eine Aussage \u00fcber das Fehlverhalten sowieso nichts bringt und vom Arbeitgeber keine Unterst\u00fctzung kommt. \u201eDas ist so normal als junge Frau\u201c, erz\u00e4hlt eine junge \u00c4rztin von ihrer Studentenzeit, \u201eich nahm an, dass ich damit leben muss, wenn ich in der Chirurgie arbeiten m\u00f6chte.\u201c Inzwischen ist sie in einen Job in die Wirtschaft gewechselt. Eine Gyn\u00e4kologin hat im Laufe ihres Berufslebens mehr Selbstbewusstsein gewonnen: \u201eIch war damals jung und sch\u00fcchtern. Heute w\u00fcrde ich es melden.\u201c<\/p>\n<p>Und wie reagieren M\u00e4nner? \u201eIch finde die \u00dcbergriffe auch sehr unangenehm, aber als Mann wird man nicht ernst genommen, wenn man was dagegen sagt. Bei Frauen ist der Umgang mit sexueller Bel\u00e4stigung ziemlich schlecht &#8230; aber besser als bei M\u00e4nnern\u201c, sagt ein angestellter Arzt im Krankenhaus.<\/p>\n<p>Eine Erkl\u00e4rung, warum so wenige der Betroffenen den Vorfall melden: Die meisten wollen oder k\u00f6nnen wom\u00f6glich dem T\u00e4ter nicht aus dem Weg gehen. 80% der bel\u00e4stigten \u00c4rztinnen und \u00c4rzte sind der Meinung, dass man weiter mit dem unangenehmen Kollegen zusammenarbeiten soll.<\/p>\n<h5>Wie ver\u00e4ndern solche unangenehmen Erlebnisse den Joballtag?<\/h5>\n<p>Fast zwei Drittel der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte haben durch die erfahrene Bel\u00e4stigung ihr Verhalten am Arbeitsplatz ver\u00e4ndert. Die wichtigsten Anpassungen waren: drei von zehn Betroffenen mieden bestimmte Kollegen. Jeder 4. k\u00fcndigte oder spielte zumindest mit dem Gedanken, dies zu tun.<\/p>\n<p>Ein verletzendes oder unangenehmes Fehlverhalten von Kollegen kann sich auch im Privatleben auswirken. Am h\u00e4ufigsten wirkte sich der Vorfall negativ auf das Schlafverhalten aus. Aber auch Eheprobleme wurden genannt. Au\u00dferdem gerieten 16% der Opfer in eine soziale Isolation, wom\u00f6glich weil sie sich sch\u00e4mten.<\/p>\n<h3>Beschwerdemanagement und Schulung \u2013 unbekannt oder nicht vorhanden<\/h3>\n<p>Den Umgang mit sexueller Bel\u00e4stigung im Job kann man lernen. Aber wie? Manche Arbeitgeber f\u00fchren dazu bereits Seminare oder Trainings f\u00fcr ihre Angestellten durch. Doch anscheinend sind solche Angebote eher eine Seltenheit. 92% der Teilnehmer dieser Umfrage beantworten die Frage, ob der Arbeitgeber ein obligatorisches Training zum Umgang mit sexueller Bel\u00e4stigung durchf\u00fchrt, mit Nein.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u201eIch habe mehrfach miterlebt, wie das Fehlen einer konkreten Ansprechstelle zu Bel\u00e4stigung durch einzelne Personen das Arbeitsklima ganzer Krankenh\u00e4user in Schieflage gebracht hat.\u201c<br>Ein Kardiologe aus einer Klinik in Brandenburg<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Immerhin ist jeder 5. Arzt und Krankenpfleger\/-in dar\u00fcber informiert, dass es bei seinem Arbeitgeber nach solchen Vorf\u00e4llen ein Beschwerdeverfahren gibt.<\/p>\n<p>Eine Teilnehmerin der Umfrage fordert: \u201eGegen sexuelle Bel\u00e4stigungen am Arbeitsplatz muss mit absoluter H\u00e4rte vorgegangen werden. Leider sind die Opfer im System nicht gen\u00fcgend gesch\u00fctzt und es gibt oft keinen geeigneten Prozess, wie Opfer sich melden und T\u00e4ter anzeigen k\u00f6nnen. Arbeitgeber m\u00fcssen dazu ermutigen und in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Schulungen durchf\u00fchren, wie es in anderen L\u00e4ndern seit langem schon Pflicht ist. Das w\u00fcrde auch T\u00e4ter abschrecken. Leider, sind gerade Frauen neben der sexuellen Bel\u00e4stigung vielfach despektierlichen Kommentaren aus der Grauzone ausgesetzt, die eine Anklage nicht gerechtfertigt erscheinen lassen.\u201c<\/p>\n<h3>Was soll man tun?<\/h3>\n<p>Da man Bel\u00e4stigungen in einem anderen Licht sieht, wenn man sie selbst erlebt hat, ist es interessant, welche Tipps Betroffene geben. Viele Umfrageteilnehmer haben ihre Meinung mitgeteilt und auch hier gehen die Ansichten auseinander:<\/p>\n<p>Die einen fordern: \u201eSofort eine Anzeige bei der Polizei zu machen\u201c. Andere mahnen zur Zur\u00fcckhaltung. So meint ein Notfallmediziner aus dem Ruhrpott: \u201eWo f\u00e4ngt sexuelle Bel\u00e4stigung an? Bei k\u00f6rperlichen \u00dcbergriffen und wiederholtem, psychisch belastendem Verhalten darf man Null Toleranz haben. Ansonsten sollte man mal den Ball flachhalten.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p>[!] Doch die Mehrzahl der Ratschl\u00e4ge lautet: Unbedingt melden, dar\u00fcber reden, sonst \u00e4ndert sich nichts! M\u00f6gliche Helfer sind Kollegen, Vorgesetzte und der Betriebs- oder Personalrat. Eine \u00c4rztin empfiehlt einen Stufenplan: \u201eDem Aggressor sollte man verbal unmissverst\u00e4ndlich klar machen, dass man diese Bel\u00e4stigung nicht m\u00f6chte. Gegebenenfalls auch k\u00f6rperlich Gegenwehr leisten, wenn erforderlich. Falls dieses Vorgehen nicht sofort zur Beendigung dieses Verhaltens f\u00fchrt, sollte man Zeugen oder Dritte zu Hilfe rufen. Damit eine eventuelle polizeiliche Anzeige auch Erfolg hat.\u201c<\/p>\n<p>[!] Der Deutsche \u00c4rztinnenbund (D\u00c4B) r\u00e4t, sich an den Personal- oder Betriebsrat oder Gleichstellungsbeauftragte zu wenden. \u201eWenn Sie sp\u00fcren, das ist ein \u00dcbergriff, dann ist die Pflicht des Arbeitgebers, die sexuelle Bel\u00e4stigung zu stoppen und in Zukunft zu verhindern. Nehmen Sie als \u00c4rztin sexuelle Bel\u00e4stigung nicht hin und lassen Sie sich unterst\u00fctzen, wenn Sie sich wehren wollen\u201c, appelliert D\u00c4B-Pr\u00e4sidentin Dr. Christiane Gro\u00df.<br>www.aerztinnenbund.de\/downloads\/5\/Faltblatt_MeToo.pdf<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal hat Medscape einen detaillierten Report zu sexueller Bel\u00e4stigung in Kliniken und Praxen in Deutschland durchgef\u00fchrt. 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