{"id":771,"date":"2017-10-29T10:53:11","date_gmt":"2017-10-29T10:53:11","guid":{"rendered":"http:\/\/oberarztheute.apps-1and1.net\/?p=771"},"modified":"2025-11-26T10:34:44","modified_gmt":"2025-11-26T10:34:44","slug":"im-konflikt-zwischen-patientenwohl-und-gewinnmaximierung-und-wo-bleibt-die-ethik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?p=771","title":{"rendered":"Im Konflikt zwischen Patientenwohl und Gewinnmaximierung: Und wo bleibt die Ethik?"},"content":{"rendered":"<p class=\"Autorenzeile\"><em>von Dr. Marianne Schoppmeyer, \u00c4rztin und Medizinjournalistin, <a href=\"http:\/\/www.medizinundtext.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.medizinundtext.de<\/a><\/em><\/p>\n<p class=\"Grundtext\"><strong>Bereits seit Jahren h\u00e4lt die \u00d6konomisierung schleichend Einzug in deutsche Krankenh\u00e4user. \u00c4rzte klagen allerorts \u00fcber fehlende Zeit f\u00fcr ihre Patienten, die zunehmende Technisierung des Medizinbetriebs und den Druck vonseiten der Krankenhausverwaltung, wirtschaftlich rentabel zu arbeiten. Von \u00c4rzten wird direkt oder indirekt erwartet, ihr \u00e4rztlich professionelles Handeln betriebswirtschaftlicher Gewinnmaximierung unterzuordnen. Die Patienten haben dabei immer h\u00e4ufiger das Nachsehen. OH stellt konkrete Vorschl\u00e4ge vor, wie ein Umdenken erreicht werden kann.\u00a0<!--more--><\/strong><\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Hauptursache ist das DRG-System<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Der eigentliche Sinn und Zweck der Medizin, die seelische und k\u00f6rperliche Gesundheit der Menschen wiederherzustellen, kann unter dem Druck der \u00d6konomisierung aus dem Blick geraten. Patienten werden nicht mehr prim\u00e4r als leidende Menschen wahrgenommen, sondern als Kunden. \u00c4rzte werden zu reinen Leistungserbringern. Aus der sozialen Einrichtung Krankenhaus wird ein Wirtschaftsunternehmen. Mitgef\u00fchl, F\u00fcrsorge und Altruismus \u2013\u00a0Eigenschaften, die f\u00fcr viele \u00c4rzte immer noch den Sinn der Medizin ausmachen\u00a0\u2013 b<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Ohne Zweifel liegt eine der Hauptursachen dieser Entwicklung in der Umstellung der Krankenhausfinanzierung von Tagess\u00e4tzen auf diagnoseorientierte Fallpauschalen (DRG-System) vor mehr als zehn Jahren. Um f\u00fcr das Krankenhaus einen Gewinn zu erzielen, darf ein Patient weder zu kurz noch zu lange in der Klinik liegen. In dem einen Fall wird die DRG-Pauschale gek\u00fcrzt, im anderen Fall droht dem Krankenhaus ein Verlustgesch\u00e4ft. Zudem werden durch die Fallpauschalen medizinische Leistungen nur bedingt abgebildet. Geld wird verdient, wenn Medizintechnik eingesetzt wird. Gespr\u00e4che und Zeit f\u00fcr den Patienten werden jedoch kaum honoriert.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">In der Folge \u00e4ndern Krankenh\u00e4user ihre strategische Ausrichtung, indem beispielsweise die weniger lukrativen Behandlungsangebote aus dem Leistungskatalog gestrichen werden. Hierzu z\u00e4hlen in erster Linie die betreuungsintensiven Fachdisziplinen wie etwa die Diabetologie oder Rheumatologie. Auf der anderen Seite verleitet das DRG-System dazu, Eingriffe durchzuf\u00fchren, die medizinisch nicht zwingend notwendig sind, mit denen jedoch Gewinn erwirtschaftet werden kann. Versch\u00e4rft wird dieser Umstand durch Bonusregelungen, die in Chefarztvertr\u00e4gen verankert sind. Betriebswirtschaftliche Zielvorgaben wie z. B. Patientenzahlen, Mengenausweitungen oder Kosteneinsparungen erh\u00f6hen den Druck auf \u00e4rztliche F\u00fchrungskr\u00e4fte zus\u00e4tzlich, das medizinisch Notwendige wirtschaftlichen Erw\u00e4gungen unterzuordnen.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Daneben sind in der Klinikleitung h\u00e4ufig Manager mit wenig \u00e4rztlichem Sachverstand tonangebend. Patientenorientierte Konzepte haben in der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung daher oftmals nur wenige F\u00fcrsprecher.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Hinzu kommt, dass die Bundesl\u00e4nder ihrer Pflicht nicht ausreichend nachkommen, Investitionsmittel f\u00fcr die Krankenh\u00e4user zur Verf\u00fcgung zu stellen. Dies f\u00fchrt dazu, dass Kliniken ihre Investitionen selbst finanzieren \u2013 also Gewinne erwirtschaften \u2013 m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung erschwert<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">All das hat zur Folge, dass basismedizinische Leistungen wie die Anamnese, k\u00f6rperliche Untersuchung und pers\u00f6nliche Betreuung zu kurz kommen. Unter solchen Bedingungen leiden ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verh\u00e4ltnis und die Behandlungsqualit\u00e4t f\u00fcr die Patienten. Eine werteorientierte, f\u00fcrsorgliche und individualisierte Medizin ist so nur noch schwierig umzusetzen.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">DGIM fordert ein Umdenken<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Auch die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Innere Medizin (DGIM) beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Aus diesem Grund hat sie ein Positionspapier formuliert, in dem sie vor dem Gewinnstreben in der Klinikmedizin warnt und f\u00fcnf Vorschl\u00e4ge macht, wie dieser Entwicklung zu begegnen ist:<\/p>\n<ul>\n<li>1. Die Regeln des \u00f6konomischen Wettbewerbs d\u00fcrfen das medizinische Handeln zu keinem Zeitpunkt dominieren.<\/li>\n<li>2. Die falsche Gewichtung auf ausschlie\u00dflich wirtschaftlich ertragreiche Schwerpunkte in Krankenh\u00e4usern ist nicht zu vertreten.<\/li>\n<li>3. Die Weiterbildung zum Facharzt f\u00fcr Innere Medizin sowie zu den internistischen Schwerpunkten geh\u00f6rt zur Dienstaufgabe leitender Krankenhaus\u00e4rzte.<\/li>\n<li>4. Unternehmerische Entscheidungen m\u00fcssen in ausgewogenem Verh\u00e4ltnis von leitenden \u00c4rzten, kaufm\u00e4nnischen Direktoren und Pflegeleitung getroffen werden.<\/li>\n<li>5. Betriebswirtschaftliche Entscheidungen d\u00fcrfen nicht zu einer \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit f\u00fchren, die \u00e4rztliche Entscheidungen in der Diagnostik und Therapie von Patienten beeinflusst.<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">\u00c4rzte-Klinik-Kodex angestrebt<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Neben ihrer Forderung nach einer angemessenen Verg\u00fctung f\u00fcr die \u201esprechende Medizin\u201c befasst sich die DGIM intensiv mit der Frage, wie die verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen die Bedingungen f\u00fcr \u00c4rzte und Patienten verbessern k\u00f6nnen. Am Ende dieser Diskussion, an der auch die Politik und der Gesetzgeber beteiligt werden sollen, soll ein \u201e\u00c4rzte-Klinik-Kodex\u201c stehen (Arbeitstitel: Medical Corporate Governance-Leitlinie f\u00fcr den Kliniksektor). Dieser k\u00f6nnte als Modellansatz f\u00fcr eine werteorientierte Integration \u00e4rztlichen Handelns in den derzeit durch \u00f6konomische Leitbilder bestimmten Krankenhaussektor dienen.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Empfehlungen des Deutschen Ethikrates<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Der Deutsche Ethikrat hat bereits im April 2016 Empfehlungen f\u00fcr eine am Patientenwohl orientierte Krankenhausversorgung formuliert. Als ma\u00dfgebliches ethisches Leitprinzip stellt er das Patientenwohl in den Mittelpunkt seiner Stellungnahme. Danach bestimmen drei Kriterien das Patientenwohl:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Selbstbestimmung erm\u00f6glichende Sorge f\u00fcr den Patienten<\/li>\n<li>Die gute Behandlungsqualit\u00e4t<\/li>\n<li>Eine Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"Grundtext\">Daraus ergeben sich unterschiedliche Konfliktfelder. Diese betreffen vor allem die belastete Arzt-Patient-Beziehung sowie die zunehmenden Schwierigkeiten, berufsethische Vorstellungen umzusetzen. Zudem erweist es sich insbesondere f\u00fcr Patientengruppen mit besonderen Bed\u00fcrfnissen als zunehmend problematisch, einen gleichen Zugang zu Krankenhausleistungen sicherzustellen. Dies betrifft Kinder und Jugendliche, Patienten in hohem Lebensalter, Patienten mit geriatrischen Erkrankungen, mit Demenz, mit Behinderung und Patienten mit Migrationshintergrund.<\/p>\n<h2 class=\"Ueberschrift-mittel\">Anpassung des DRG-Systems empfohlen<\/h2>\n<p class=\"Grundtext\">Der Deutsche Ethikrat formuliert insgesamt 29 Empfehlungen. Neben vielem anderen empfiehlt er, den zeitlichen und organisatorischen Aufwand bei der Verg\u00fctung innerhalb des DRG-Systems zu ber\u00fccksichtigen. Dies betrifft sowohl die Kommunikation mit den Patienten als auch die interprofessionelle Kommunikation. Zur Weiterentwicklung des DRG-Systems empfiehlt der Ethikrat, Fehlanreizen entgegenzuwirken, die dem Patientenwohl entgegenstehen, wie die vorzeitige oder verz\u00f6gerte Entlassung oder Verlegung eines Patienten. So sollten beispielsweise f\u00fcr betagte Patienten, Patienten mit seltenen Erkrankungen oder Patienten mit besonderen Verhaltensauff\u00e4lligkeiten neue Vereinbarungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Zusatzentgelte geschaffen werden. Zur Vermeidung unn\u00f6tiger Eingriffe und Prozeduren sollten Verg\u00fctungsmodelle entwickelt und gepr\u00fcft werden, in denen auch die begr\u00fcndete Unterlassung etwaiger Ma\u00dfnahmen ihren Niederschlag findet.<\/p>\n<p class=\"Grundtext\">Weiterf\u00fchrende Hinweise<\/p>\n<ul class=\"mer_quelle\">\n<li class=\"Grundtext\">Schumm-Draeger, Petra-Maria et al.: Der Patient ist kein Kunde, das Krankenhaus kein Wirtschaftsunternehmen. Dtsch Med Wochenschr 2016; 141: 1183-1188, online unter www.iww.de\/s223<\/li>\n<\/ul>\n<ul class=\"mer_quelle\">\n<li class=\"Grundtext\">Deutscher Ethikrat: Patientenwohl als ethischer Ma\u00dfstab f\u00fcr das Krankenhaus, online unter www.iww.de\/s224<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dr. Marianne Schoppmeyer, \u00c4rztin und Medizinjournalistin, www.medizinundtext.de Bereits seit Jahren h\u00e4lt die \u00d6konomisierung schleichend Einzug in deutsche Krankenh\u00e4user. \u00c4rzte klagen allerorts \u00fcber fehlende Zeit f\u00fcr ihre Patienten, die zunehmende Technisierung des Medizinbetriebs und&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[15,1],"tags":[],"class_list":["post-771","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-uncategorized"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Im Konflikt zwischen Patientenwohl und Gewinnmaximierung: Und wo bleibt die Ethik? 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Dabei sollte man sich jedoch dar\u00fcber im Klaren\u2026","rel":"","context":"In &quot;Recht&quot;","block_context":{"text":"Recht","link":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/?cat=16"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=771"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/771\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12194,"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/771\/revisions\/12194"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oberarzt-heute.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}