Kinderbetreuung, Teilzeit und tägliche Hürden: Zwei Oberärztinnen berichten

Kinderbetreuung, Teilzeit und fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen. Über die täglichen Hürden für Ärztinnen, die „nebenbei“ auch noch Mutter sind, berichten zwei Oberärztinnen.

Die Interviews führte Gretel Oehler, Unfallchirurgin und Mutter in Pflugfelden.

[1] Ich bin Oberärztin (Innere Medizin/Hämatologie/Onkologie) an einer Uniklinik und Mutter von 2 Kindern. Bis zu Kind 1 habe ich Vollzeit gearbeitet, dann ab dem 1. Geburtstag 60%. Jetzt in Elternzeit von Kind 2 habe ich den Jobwechsel in die Allgemeine Innere Medizin als Oberärztin gemacht. Hier habe ich nach 5,5 Monaten Elternzeit begonnen mit 20%, Aufstockung über 40% bis schließlich 80% zum 1. Geburtstag.

[?] Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Man sitzt immer zwischen den Stühlen: Mein Anspruch an mich als Ärztin und an mich als Mutter. Man muss von beiden eine Portion Perfektionismus wegnehmen, dann geht es besser. Überstunden rufen sofort ein schlechtes Gewissen hervor, das Kind abends nicht mehr zu sehen. Teilzeit und pünktlicher Feierabend werden von Kollegen ohne Kinder kritisch gesehen und teilweise nicht unterstützt. Man verliert den Kontakt zu den Kollegen.

[?] Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Teilzeit wird mit Zähneknirschen akzeptiert, Unterstützung gibt es höchstens von anderen Teilzeit-Müttern. Man muss sich doppelt beweisen, um akzeptiert zu werden.Ich arbeite pragmatischer. Was nicht lebensnotwendig ist, wird notfalls liegen gelassen. Teilweise habe ich aber dann auch von zuhause aus weitergearbeitet. Mein überdurchschnittliches Engagement (per Fernzugang am Vorabend schauen, was an den freien Tagen passiert ist, um morgens perfekt vorbereitet bei der Besprechung zu performen) wurde leider als selbstverständlich hingenommen.

[?] Wie sehen Sie die Unterstützung durch Gesellschaft, Arbeitgeber und Kollegen für arbeitende Mütter und Väter?

In der Klinik sind Elternzeit, Teilzeit und arbeitende Mütter noch nicht angekommen – weder in den Köpfen der Chefs, noch in denen der Kollegen. Ich hoffe sehr, dass das vor allem ein Uniklinik-Problem ist und die Kreisklinik das besser macht. So wurde es mir im Bewerbungsgespräch jedenfalls suggeriert…

[?] Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Nein. Sobald man Teilzeit arbeitet oder auch seine Prioritäten nicht ausschließlich auf die Arbeit konzentriert, muss man überdurchschnittlich viel leisten, um annähernd gleichwertig wahrgenommen zu werden.

[?] Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen, die über die Familienplanung nachdenken, geben?

Wenn möglich, zuerst den Facharzt machen. Partner aus nicht-medizinischen Bereichen sind von Vorteil. Sich selbst nach der Elternzeit eine Phase der Selbstfindung und Orientierung gönnen: was ist mir wie wichtig, was erwarte ich von mir in den verschiedenen Rollen, wie bekomme ich alles unter einen Hut?

[!] „Nicht unterkriegen lassen! Je mehr Mütter in Teilzeit arbeiten, desto eher wird das auch bei Ärztinnen ein akzeptiertes Modell!“

[2] Ich bin Radiologin, habe ein Kind. Ich arbeite in leitender Position, mein Mann auch. Unser Kind wird privat betreut. Bis auf Betreuungsausfälle durch Krankheit oder Ähnliches, ist aktuell alles ok, wenn auch etwas teuer.

[?] Welche Probleme sehen Sie in der Vereinbarkeit vom Beruf als Ärztin und Mutter?

Offene und versteckte Diskriminierung von Frauen – und die Tatsache, dass das Thema totgeschwiegen oder weggeredet wird.

[?] Familiengründung in der Weiterbildungszeit zur Fachärztin – ein kluger Weg?

Nein. Erfahrungsgemäß ist die Weiterbildung mit Kind schlechter, dauert länger und die Kolleginnen werden diskriminiert (mehr Station, weniger Funktion, schlechtere Rotationen, weniger Fortbildungen).

Sie können sich aber wegen der diversen Abhängigkeiten nicht wehren. Die Möglichkeit eines Wechsels sind extrem begrenzt, sollte man Teilzeit arbeiten noch stärker. Mit Facharzttitel ist es viel einfacher, eine neue Stelle zu finden. By the way ist das Einkommen als Assistenzarzt auch niedriger, sodass Lösungen wie in meinem Fall (private Betreuung) schlicht nicht finanzierbar wären.

[?] Wie haben Sie ihren Wiedereinstieg nach der Kinderpause erlebt?

Katastrophal – also habe ich gekündigt. Ich arbeite nun an einer anderen Klinik, musste dafür allerdings umziehen.

[?] Fühlen Sie sich gleichberechtigt gegenüber Ihren männlichen Kollegen? Haben Sie die gleichen Chancen?

Definitiv nein, alles andere wäre gelogen. Obwohl ich selbst leitende Ärztin wurde, habe ich ja gesehen, wie es den anderen Kolleginnen ergangen ist – es wäre falsch, das zu ignorieren.

[?] Welchen Ratschlag würden Sie anderen Ärztinnen geben, die über die Familienplanung nachdenken?

1. Unbedingt vorher den Facharzt machen. Dadurch baut man Abhängigkeiten ab und kann eine Einrichtung einfacher verlassen, wenn es zu Mobbing oder anderen Diskriminierungen kommen sollte.

2. Mobbing/Diskriminierung schriftlich dokumentieren, Protokoll führen, Dienstpläne aufheben. Sofort bei der Geschäftsleitung beschweren oder Gleichstellungsbeauftragte informieren oder gar kündigen in solchen Einrichtungen. Erst wenn die Frauen aufhören, sich alles gefallen zu lassen wird sich – vielleicht und ganz langsam – etwas ändern.

3. Beobachten, wie die Klinik mit anderen Kolleginnen in Schwangerschaft/Elternzeit/Teilzeit umgeht. Exakt so wird diese Einrichtung auch mit jeder weiteren „Betroffenen“ umgehen, das darf man sich nicht schön reden.

Ich beobachte seit Jahren eine große Naivität der weiblichen Kolleginnen hinsichtlich ihrer Chancen und Gleichberechtigung. Gleichberechtigung endet im Studium, je nach Uni im ersten oder zweiten Semester – diese Botschaft ist noch nicht wirklich angekommen. Das dürfte auch erklären, weshalb so viele, zunächst hochmotivierte Frauen, das Fach wechseln, Depressionen oder Burnouts erleiden etc. sobald sie von der Wirklichkeit in der Klinik eingeholt werden.

[!] Was meinen Sie dazu? Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen? schreiben Sie uns per Brief, per Fax oder per E-Mail!


Die Interviews führte Gretel Oehler, Unfallchirurgin und Mutter in Pflugfelden. Sie veröffenticht ihre Gedanken und Erfahrungen in ihrem Blog unfallchirurginundmutter.de. Dort finden sie auch weitere Interviews mit Ärztinnen zum Thema „Familie und Beruf“.