Adipositas: Neue Medikamente helfen – doch viele müssen sie selbst bezahlen
Fast jeder 5. Erwachsene in Deutschland hat Adipositas, also starkes Übergewicht. Medikamente wie Semaglutid können nicht nur das Gewicht senken, für bestimmte Wirkstoffe und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen ist auch ein Schutz vor schweren Folgeerkrankungen belegt. Doch die Behandlung kostet nach einer AOK-Schätzung rund 4.000 Euro jährlich und muss zur Gewichtsregulation selbst bezahlt werden. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) fordert deshalb eine Kostenübernahme für Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko.
Adipositas ist eine chronische Krankheit, die unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid ahmen körpereigene Hormone nach, die unter anderem Hunger und Sättigung steuern. Dadurch können sie die Gewichtsabnahme unterstützen. „Die Gewichtsabnahme ist Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, wie die Behandlung den Stoffwechsel verbessert und Organe schützt“, erklärt Universitätsprofessorin Dr. med. Susanne Reger-Tan, Tagungspräsidentin und Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum und Medizinische Fakultät OWL der Universität Bielefeld.
Weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-bedingte Todesfälle
Dass die Behandlung mehr bewirken kann als eine Gewichtsabnahme, zeigt die SELECT-Studie. Sie untersuchte den Wirkstoff Semaglutid bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas, die bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, aber keinen Diabetes hatten. Über rund 3 Jahre erlitten 6,5 Prozent der mit Semaglutid Behandelten einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder starben an einer Herz-Kreislauf-Ursache. In der Vergleichsgruppe mit einem Scheinmedikament waren es 8 Prozent. Ob Menschen ohne diese Vorerkrankung oder unter anderen Medikamenten ebenso profitieren, beantwortet die Studie nicht.
DDG fordert Kostenübernahme für Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko
Dennoch schließt das Sozialgesetzbuch V (§ 34) Medikamente zur Gewichtsregulation von der gesetzlichen Erstattung aus. „Der medizinische Bedarf muss über den Zugang zur Therapie entscheiden und sollte nicht von monetären Mitteln jedes beziehungsweise jeder Einzelnen abhängig sein“, fordert Reger-Tan. Die DDG verlangt eine gezielte Ausnahme für Menschen mit hohem gesundheitlichem Risiko – etwa nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, wenn das Medikament nachweislich das Risiko weiterer schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse senkt. Medikamente sollen dabei eine langfristige Therapie mit Ernährung, Bewegung und Unterstützung bei Verhaltensänderungen ergänzen.
Strukturierte Betreuung muss im Alltag ankommen
Damit Betroffene diese umfassende Behandlung erhalten, braucht es neben der Finanzierung auch verlässliche Versorgungsstrukturen. Das strukturierte Behandlungsprogramm für Erwachsene mit Adipositas, kurz DMP Adipositas, soll die Betreuung koordinieren. Seit Juli 2024 können Krankenkassen dafür regionale Verträge schließen. Bis Ende August 2026 wurde das Programm laut einer gemeinsamen Mitteilung von DDG und der Deutschen Adipositas-Gesellschaft jedoch in keinem Bundesland angeboten.
Eine strukturierte Adipositasbehandlung erfordert klare Zuständigkeiten und eine verlässliche Abstimmung zwischen den beteiligten Praxen und Kliniken. Bei Bedarf sollten spezialisierte Praxen und Zentren einbezogen werden. „Es muss klar sein, wer die Behandlung koordiniert und die nächsten Schritte mit den Betroffenen bespricht. Dafür brauchen die Teams ausreichend Zeit für Beratung und eine gesicherte Finanzierung“, betont Dr. med. Sandra Schlüter, Tagungspräsidentin und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie der DDG sowie Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologin in der Diabetespraxis Northeim, Behandlungs- und Schulungszentrum Süd-Niedersachsen.
- 20. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft vom 13. bis 14. November 2026
- Lincoff AM et al. Semaglutide and cardiovascular outcomes in obesity without diabetes. N Engl J Med 2023; 389(24):2221–2232. doi: 10.1056/NEJMoa2307563. PMID: 37952131
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