Covid-19 – eine Gefäßerkrankung: Warum eine Schädigung der Blutgefäße für schwere Langzeitfolgen verantwortlich ist

Atemwegserkrankungen sind unmittelbare Auswirkungen von Covid-19. Verantwortlich für die oft gravierenden Langzeitfolgen des Virus ist jedoch vor allem eine Schädigung der Blutgefäße: Bei einer Coronavirus-Infektion kann es zu schweren Schädigungen in den Blutgefäßen und zur Bildung von Blutgerinnseln kommen.

Expertinnen und Experten der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG) schließen sich den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) an, in der Behandlung des Coronavirus neben entzündungshemmenden und virenbekämpfenden Medikamenten auch Gerinnungshemmer einzusetzen, um die gestörte Blutgerinnung zu behandeln. Zudem raten sie Patientinnen und Patienten mit gefäßmedizinischen Erkrankungen dringend zu einer Corona-Impfung.

Mit über 236 Millionen Betroffenen und fast 4,8 Millionen Todesfällen stellt Covid-19 eine gewaltige medizinische, politische und humanitäre Herausforderung dar (1). Zunächst wurde Covid-19 aufgrund seiner primären Krankheitssymptome vor allem als Erkrankung der Atemwege wahrgenommen. „Heute wissen wir jedoch, dass eine Hauptursache für die unterschiedlichen Ausprägungen und Langzeitfolgen dieser Infektionskrankheit eine primäre Schädigung der Blutgefäße ist“, erklärt PD Dr. med. Farzin Adili, Direktor der Klinik für Gefäßmedizin, Gefäß- und Endovascularchirurgie am Klinikum Darmstadt. „Im Zuge einer Coronavirus-Infektion entzünden sich die Blutgefäßwände, wodurch die Blutgerinnungsneigung deutlich erhöht ist.“

Untersuchungen an Gefäßen der Lunge haben gezeigt, dass bei Covid-19-Erkrankten im Vergleich zu Kontroll- und Influenzapatientinnen und -patienten massive Störungen der Lunge auftreten: So kommt es besonders häufig zu einem Verschluss von Blutgefäßen durch Thrombosen und zu gravierenden Schäden an den kleinsten Blutgefäßen, den Mikroangiopathien. „Diese und weitere Phänomene können schwere Lungenerkrankungen – wie etwa einen Lungeninfarkt – zur Folge haben“, so Adili.

Zudem leiden Covid-19-Patientinnen und -Patienten häufiger auch an Entzündungen der Blutgefäße. „Infolgedessen kann es vermehrt zu schwerwiegenden Komplikationen mit potenziell tödlichem Ausgang wie Thrombosen, Lungenembolien, Schlaganfällen oder Durchblutungsstörungen in den Armen oder Beinen kommen“, sagt Adili. Neue Studienerkenntnisse haben gezeigt, dass die Belastung durch venöse Thromboembolien bei Covid-19-Patientinnen und -Patienten mit Krankenhausaufenthalt beträchtlich ist – und bei einer Inzidenz von bis zu 25 Prozent liegt. Auch die Lungenembolie-Inzidenz ist bei diesen hospitalisierten Patientinnen und Patienten mit 20 Prozent sehr hoch (5, 6). Die überragende Bedeutung der durch eine SARS-CoV-2-Infektion hervorgerufenen krankhaften Veränderungen der Gefäße lässt sich auch anhand der aktuellen Empfehlungen des RKI zur medikamentösen Therapie ablesen: Neben entzündungshemmenden und die Viren bekämpfenden Medikamenten sollten demnach Gerinnungshemmer eingesetzt werden, um die gestörte Blutgerinnung zu beeinflussen. Die DGG schließt sich diesen Empfehlungen an.

Patientinnen und Patienten, die bereits an gefäßmedizinischen Erkrankungen leiden, sollten sich laut der DGG unbedingt gegen das Coronavirus impfen lassen. „Diese Personen haben ein stark erhöhtes Risiko für schwere oder gar tödliche Coronaverläufe“, betont Adili. Das gelte besonders für Patientinnen und Patienten nach gefäßchirurgischen Eingriffen – etwa nach einer Operation eines Aortenaneurysmas, der Wiederherstellung der Durchblutung stark arteriosklerotisch verengter Arterien oder nach der Amputation einer Extremität aufgrund einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Die Sterblichkeit kann bei diesen Personen auf bis zu 40 Prozent erhöht sein (4).

1. Covid-19 Data Repository by the Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University; https://www.arcgis.com/apps/dashboards/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6
2. Ackermann M, Verleden SE, Kuehnel M, Haverich A, Welte T, Laenger F, et al. Pulmonary vascular endothelialitis, thrombosis, and angiogenesis in Covid-19. N Engl J Med. 2020 Jul 9;383(2):120-128.
3. Lax SF, Skok K, Zechner P, Kessler HH, Kaufmann N, Koelblinger C, et al. Pul- monary arterial thrombosis in Covid-19 with fatal outcome: results from a prospective, single-center, clinicopathologic case series. Ann Internal Med May 14 2020:M20–2566.
4. https://www.eurekalert.org/news-releases/783249
5. Zhang C, Shen L, Le K-J, Pan M-M, Kong L-C, Gu Z-C, et al. Incidence of venous thromboembolism in hospitalized coronavirus disease 2019 patients: a systematic review and meta-analysis. Front Cardiovasc Med Aug 6 2020;7:151.
6. Helms J, Tacquard C, Severac F, Leonard-Lorant I, Ohana M, et al., CRICS TRIG- GERSEP Group (Clinical Research in Intensive Care and Sepsis Trial Group for Global Evaluation and Research in Sepsis) High risk of thrombosis in patients with severe SARS-CoV-2 infection: a multicenter prospective cohort study. In- tens Care Med. Jun 2020;46(6):1089–98.

Pressekonferenz zur 37. Jahrestagung der DGG, 13.10.2021.

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