Ihre Klinik wird privatisiert: Was heißt das für den Oberarzt? – ein kritischer Kommentar (Teil 2)

In einer Zuschrift an die Redaktion setzt sich ein Oberarzt kritisch mit der Privatisierung von Kliniken auseinander. Wir respektieren seinen Wunsch, wegen seiner zugespitzten Zeilen anonym bleiben zu wollen, möchten Ihnen als OH-Leser seine pointierte Bestandsaufnahme jedoch nicht vorenthalten und drucken Teil 2 des Briefs daher ab. Die Zuschrift gibt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. 

Außendarstellung der Kliniken immer wichtiger

Trotz der gestärkten Rolle der Chefärzte bei den privaten Klinikträgern und den damit einhergehenden hierarchischen und autoritären Konsequenzen gibt es neue Bereiche, in denen man sich gerne auch mit Oberärzten schmückt: Wir betreten nun die Welt von PR (Public Relations), CI (Corporate Identity) und Marketing. Die Klinikkonzerne stecken viel Geld in die Außendarstellung und betreiben dafür umfangreiche Abteilungen mit zahlreichen, einschlägigen Spezialisten. Diese bedienen so gut wie alle Werbefelder.

Vielzahl von Newslettern und Hochglanz-Magazinen

Neben einer Vielzahl von Newslettern und Hochglanz-Magazinen für alle möglichen Zielgruppen (Zuweiser, Patienten, Mitarbeiter usw.) gibt es sogar aufwendige Videoproduktionen, die online und in örtlichen Fernsehsendern aufgeführt werden. In manchen Städten werden sogar die ÖPNV-Busse mit Klinikwerbung beklebt und Sportveranstaltungen gesponsert.

Oberärzte als Werbedarsteller?

Selbst die einzelnen Krankenhäuser besitzen inzwischen Marketingabteilungen, zumindest aber der Geschäftsleitung unterstellte Marketingreferenten. Es kann gut sein, dass man nicht nur Ihren Chef als Werbeträger einspannt, sondern auch Sie als Oberarzt.

Rechnen Sie also mit häufigen Fototerminen, und wundern Sie sich später nicht, wo die Aufnahmen überall auftauchen. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie vor allen möglichen Zielgruppen Vorträge halten sollen, um neue Zuweiser und Patienten („Kunden“) zu akquirieren. Vielleicht schaffen Sie es sogar als Interviewpartner ins Fernsehen!

MDK-Prüfungen und Zertifizierungen als Oberarzt-Aufgabe

Auf den Oberarzt warten nicht nur „profane“ Dinge wie der Job als DRG-Beauftragter, obwohl das auch wichtig ist. Es kann z. B. sein, dass Sie künftig einen Großteil Ihrer Arbeitszeit mit MDK-Prüfungen verbringen, weil sich Ihr Geschäftsführer in den Kopf gesetzt hat, unprofitable ambulante OPs vorzugsweise stationär zu machen. Freilich durchschauen die Kassen dies nach einiger Zeit, halten die Vergütung zurück und schalten den MDK ein.

Gemeint sind aber hier die beliebten Zertifizierungen – etwa nach KTQ, DIN ISO 9000 oder TÜV. Dazu kommt eine beliebige Anzahl an Abteilungs- bzw. Zentrumszertifizierungen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. So gibt es jetzt Zentren für Darm-, Leber-, Pankreaschirurgie, gerne auch in Zusammenarbeit mit Internisten, Gastroenterologen und Onkologen. Dafür braucht man Sie als Oberarzt, denn diese Prüfungen müssen minuziös vorbereitet und kompetent begleitet werden. Dass sie viel Geld und Zeit kosten, spielt dabei gar keine Rolle.

Nach der Zertifizierung ist vor der Rezertifizierung …

Und wenn die Zertifizierung vorbei ist, muss man schon mit der Vorbereitung für die Rezertifizierung beginnen: Nach der Zertifizierung ist eben vor der Rezertifizierung. Manche Kliniken haben inzwischen schon so viele Zertifikate, dass der Platz in der Eingangshalle knapp wird. Wie auch immer, so entstehen unendlich viele Aufgaben für Sie als Oberarzt.

PRAXISHINWEIS | Sorgen Sie dafür, dass Sie Ihre neuen Aufgaben in der normalen Arbeitszeit erledigen – und nicht zusätzlich oder im Anschluss an Ihre klinische Tätigkeit. Zur Not sollten Sie darauf drängen, dafür freigestellt zu werden.

Work-Life-Balance des Oberarztes in Gefahr

Um den begehrten Status als Zentrum zu erhalten, müssen sog. Mindestmengen erreicht und gesichert werden. Da Ihr Chef nicht alle Operationen selbst machen kann, werden u. U. Sie als Oberarzt wichtig. Stellen Sie sich also besser schon mal auf so manchen kurzfristigen Auftrag von Ihrem Chef ein, der nichts mit dem normalen Dienst zu tun hat, aber die Feierabendpläne Ihrer Frau und die Wochenendpläne Ihrer Familie empfindlich stören kann.

Oberärzte erbringen viel Arbeit im Weiterbildungsbereich

Ein wichtiges Thema: Ausbildung und Weiterbildung. Auch wenn sie nicht offiziell weiterbildungsermächtigt sind, erbringen Oberärzte den größten Teil der Arbeit in diesen Bereichen. Das Prädikat „akademisches Lehrkrankenhaus der Universität XY“ ist auch für private Klinikkonzerne ein wichtiges Aushängeschild. Genauso ist es bei der „vollen Weiterbildungsermächtigung“ einer Abteilung bzw. ihres Chefarztes.

Weiterbildung kostet Zeit und Mühe

Eine Maxime der Klinikkonzerne ist die Gewinnsteigerung. Diese wird üblicherweise erreicht durch Erlösoptimierung, Kostenreduktion, Personalabbau, Outsourcing, Effizienzsteigerung und Leistungsverdichtung. Die Beschäftigung von Weiterbildungsassistenten spart zwar Geld durch niedrige Tariflöhne, kostet aber Mühe wegen der notwendigen Anleitung – und sie kostet Zeit, weil erfahrenere Fachärzte schneller arbeiten.

PRAXISHINWEIS | Als Oberarzt kommen Sie hier mitunter in die Bredouille. Nicht alle Chefärzte werden Sie unterstützen: Es gibt Extremfälle, bei denen Chefärzten die Zusammenarbeit mit erlösrelevanten Abteilungen und das Wohlwollen der Geschäftsleitung mehr wert ist als die Loyalität mit ihren Mitarbeitern.

Oberärzte in der Schusslinie widersprüchlicher Interessen

Die Klinikleitung und das OP-Management erwarten hohes Tempo sowie kurze und berechenbare Zeiten, aber die Assistenten erwarten der Ausbildung förderliche Arbeitsbedingungen. Da der Stellenschlüssel meist knapp gehalten wird, sind auch Doppelbesetzungen zum Zweck der Ausbil-dung kaum möglich. Das sorgt für Frust bei den Assistenzärzten, die sich als Arbeitskräfte missbraucht sehen und sich um die zugesagte Weiterbildung betrogen fühlen. Dadurch entstehen zahlreiche Konflikte, die oft nicht zu vermeiden sind und die Oberärzte erheblich unter Druck setzen können. Sie geraten womöglich in die Schusslinie widersprüchlicher Interessen.

Mobile Anästhesie-Teams verärgern angestellte Oberärzte

Auseinandersetzen muss sich der Oberarzt mit neuen Kooperationsformen, die in vielen Klinikkonzernen bereits realisiert wurden. Rechnen Sie als Oberarzt künftig damit, dass Ärzte in Ihrer Klinik bzw. in Ihrem OP arbeiten, die weder zur Klinik noch zu Ihrer Abteilung gehören. So haben es manche operative Abteilungen geschafft, die Klinikleitung davon zu überzeugen, dass die hauseigenen Anästhesisten „zu langsam“ und „zu teuer“ seien, und dass sich daher ambulante OPs finanziell nicht lohnen. Und plötzlich bekommen diese Abteilungen externe Anästhesisten, meist „Subunternehmer“ von Anästhesiepraxen, die ambulante Leistungen direkt mit der KV abrechnen.

Hauseigene Pflegekräfte werden demotiviert

Da diese externen Anbieter nur erfahrene Fachärzte beschäftigen und die Abläufe mit hochmotivierten – weil gut bezahlten – Pflegekräften optimieren können, geht die Rechnung der Geschäftsführung mitunter auf, obwohl die Assistenten der hauseigenen Anästhesieabteilung für einen Bruchteil der Stundenlöhne arbeiten, die eigenen Pflegekräfte meist unterbesetzt sind und sich unterbezahlt fühlen. Verständlich, dass deren Motivation sinkt.

Wer ist für Komplikationen verantwortlich?

Für Sie als Oberarzt ergeben sich zahlreiche Fragen, z. B. wie bei Komplikationen zu verfahren ist und wie weit Ihre Verantwortung für den OP-Bereich geht – und wo sie endet. Die Gefahr ist, dass das Beispiel mit dem mobilen Anästhesieteam Schule macht und bei weiteren Abteilungen Begehrlichkeiten weckt. Dass die „Niedergelassenen“ weder abends noch für Revisionseingriffe und erst recht nicht an Wochenenden und Feiertagen in die Klinik kommen, macht sie beim Stammpersonal freilich nicht beliebter.

Wenn der Zuweiser selbst operiert …

Eine weitere Variante ist es, niedergelassenen Fachärzten zu gestatten, ihre Patienten in der Klinik selbst zu operieren und sie dafür zu vergüten. Damit soll ihnen ein starker Anreiz geschaffen werden, Patienten in diese Klinik einzuweisen – und nicht woanders hin. Zunächst sieht es nach einer Win-win-Situation aus: Die Klinik bekommt den abrechenbaren Fall, stellt die OP-Kapazität, ggf. die OP-Assistenz und die stationäre Nachbehandlung – und der Zuweiser kann noch selbst operieren und bekommt dafür Geld.

Weiterbildungsassistenten fehlen Fälle

Allerdings wirft dieses Vorgehen zahlreiche Fragen auf, insbesondere für die Oberärzte von Abteilungen, in denen dieses Muster praktiziert wird: Zum einen führen die niedergelassenen Operateure im Allgemeinen nicht die schwierigen und komplikationsträchtigen Operationen selbst durch, sondern Eingriffe, die sonst von Weiterbildungsassistenten unter der Aufsicht von Oberärzten gemacht worden wären. Dadurch fehlen typische Weiterbildungseingriffe. Zum anderen stellt sich die Frage: Wer ist verantwortlich für Komplikationen? Und was ist mit ggf. notwendigen Folgeoperationen, für die der niedergelassene Operateur wohl kaum zur Verfügung steht?

Korrektiv bei der Stellung der Indikation fehlt

Auch die Frage der Indikationsstellung ist nicht von der Hand zu weisen, weil mitunter ein wichtiges Korrektiv fehlt. Manche Operation, zu der ein Patient in eine Klinik eingewiesen wurde, wird am Ende entweder nicht oder anders durchgeführt, weil ein Oberarzt in der Klinik die Sache nochmal kritisch überdenkt, bevor er zum Skalpell greift. So entsteht eine Vielzahl von kontroversen Themen und möglichen Konflikten für die Oberärzte.

Zusammenarbeit mit den Zuweisern wandelt sich

In diesem Zusammenhang ergibt sich ein weiteres, wichtiges Thema: Die Zusammenarbeit mit den Praxisinhabern bzw. den Zuweisern hat sich grundlegend gewandelt. Diese werden heutzutage als eigentliche „Kunden“ der Klinik geradezu hofiert. Das war früher ganz anders. Der „Kunde“ ist nämlich mitnichten der Patient, wie es oft falsch dargestellt wird. Wenn man ein Auto in die Werkstatt bringt, ist das Auto ja auch nicht der Kunde, sondern der Besitzer. Der „Kunde“ ist der Zuweiser. Seitdem dies so gesehen wird, geben sich die Kliniken auch mit den Zuweisern viel mehr Mühe.

Das kann nützlich und legitim sein, wie z. B. bei zeitgerechten Informationen über den Patienten und bei sinnvollen weiteren Therapieempfehlungen. Es wird aber da fragwürdig, wo die Klinik alle Operationen, zu denen eingewiesen wird, als „Auftragsarbeit“ kritiklos ausführt, um den Zuweiser nicht zu verprellen. Da ist der Weg zu schlechten medizinischen Entscheidungen und inadäquaten OP-Indikationen nicht weit.

Beachten Sie | Da meist Oberärzte die letzte Instanz bei der Indikationsstellung sind und entweder selbst operieren oder assistieren, sind sie von der verstärkten Kooperation mit Zuweisern unmittelbar betroffen. Hier bleiben Gewissenskonflikte sicher nicht aus – es sei denn, der Chefarzt verfolgt die Linie, dass nicht alles gemacht wird, wozu eingewiesen wird.

FAZIT | Private können es besser! Diese Ansicht hört man seit über 20 Jahren oft. Ob das auch für die Gesundheitsversorgung gilt, ist nicht sicher. Auf jeden Fall arbeiten private Kliniken meist billiger, denn sie erwirtschaften offenbar auch in einem traditionell margenschwachen „Geschäft“ mit ubiquitären Preisdeckelungen und hohen Fixkosten noch ansehnliche Gewinne. Wer davon profitiert und wer draufzahlt und ob das am Ende gut ist, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist dagegen: Wird Ihre Klinik privatisiert, sind auch Sie als Oberarzt betroffen!