Leicht verständliche Patientenbriefe aus dem Krankenhaus- Informationssystem?

Patientenbriefe wirken: Sie verbessern das Verständnis ärztlicher Informationen und stärken die Gesundheitskompetenz von Patienten. Das ergab eine Studie der „Was hab‘ ich“ gGmbH (Dresden), die vom Bundesgesundheitsministerium unterstützt wurde. Als Weiterentwicklung eines Pilotprojekts hat „Was hab‘ ich?“ eine Software entwickelt, die individuelle Patientenbriefe automatisch erstellen kann.

Wie genau Patientenbriefe wirken, stellte Ansgar Jonietz, Geschäftsführer der Dresdner Was hab ich? gGmbH einem Fachpublikum vor. Der Ausgangspunkt: Die niedrige Gesundheitskompetenz in Deutschland. Die Folge: diese Patienten werden häufiger nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wieder eingewiesen und nutzen die Notfallversorgung häufiger. Ein Lösungsansatz: Die Bereitstellung von verständlichen, zielgruppengerechten Informationen, etwa in Form von Patientenbriefen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Von November 2015 bis April 2018 erhielten Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems im Rahmen der Studie einen Patientenbrief zusätzlich zum ärztlichen Entlassbrief. Textbausteine, die von hauptamtlich bei Was hab ich-Ärzten mit Erfahrung im Schreiben laienverständlicher Texte erstellt wurden, dienten als Grundlage.

Im Projektverlauf wurden über 3.000 Textbausteine erstellt, darunter Texte zu Diagnosen, Untersuchungsverfahren, Medikamenten und Behandlungsempfehlungen. Jeder Baustein konnte durch verschiedene Parameter individualisiert werden. Für den Medikationsplan wurde für jede Wirkstoffkombination ein Baustein erstellt. Die Medikamentenbausteine waren mit den verwendeten Markennamen der Medikamente verknüpft und enthielten Informationen zu Einzeldosierungen.

Je nachdem ob sie der Interventions- oder Kontrollgruppe zugeordnet waren, wurde ihnen vor oder nach Versand des Patientenbriefes ein Fragebogen zugeschickt. 417 beantwortete Fragebögen flossen in die Auswertung ein.

  • Die Studienteilnehmer waren im Durchschnitt 71 Jahre alt und hatten einen mittelmäßigen bis schlechten Gesundheitszustand.
  •  79 % der Teilnehmer erinnerten sich an gar kein oder nur an ein kurzes Entlassgespräch.
  • Der Patientenbrief führt zu besserem Verständnis der Untersuchungsergebnisse.
  • Patienten verstehen durch den Patientenbrief Indikation und Einnahmevorschriften von Medikamenten besser.
  • Wenn sie einen Patientenbrief erhalten, fühlen sich Patienten im Krankenhaus rücksichtsvoller behandelt und bei der Entlassung besser unterstützt. Sie empfehlen die behandelnde Klinik häufiger weiter.
  • Patientenbriefe werden von fast allen Patienten und in vielen Fällen auch von Angehörigen gelesen.

Die Ergebnisse der Evaluation zum Pilotprojekt zeigen, dass der Patientenbrief wirkt: Er verbessert das Verständnis ärztlicher Informationen und stärkt die Gesundheitskompetenz der Patienten im Bereich der Krankheitsbewältigung. Patienten verstehen dank des Patientenbriefs ihre Diagnosen, Untersuchungen und Medikationspläne besser und gewinnen dadurch Sicherheit im Umgang mit Erkrankungen und Behandlung.

An der Pilotklinik in Bad Ems war Dr. med. Holger-Carsten Eberle, Chefarzt Innere Medizin, für die Umsetzung des Projektes zuständig. Er berichtete von begeisterten Rückmeldungen sowohl von Patienten als auch von Ärzten: „Es ist sehr gut angelaufen“, betont er. Die niedergelassenen Ärzte „merken in der Sprechstunde, wenn die Patienten über ihre Erkrankung gut Bescheid wissen. Es verändert die Art, wie sie mit ihren Ärzten reden“.

So trägt der Patientenbrief dazu bei, die Lücke zwischen stationärem und ambulantem Gesundheitssektor zu schließen. Dadurch können auch Folgekosten, beispielsweise durch Wiedereinweisungen oder Fehleinnahme von Medikamenten, verringert werden. Der Patientenbrief trifft auf eine große Akzeptanz und wird von den Patienten als verständlich, informativ und hilfreich bewertet. Er trägt außerdem dazu bei, dass sich Patienten besser durch die Klinik unterstützt und rücksichtsvoller behandelt fühlen und das Krankenhaus häufiger weiterempfehlen würden.

[!] Seit acht Jahren übersetzen mehrere hundert Mediziner und Medizinstudenten ehrenamtlich ärztliche Befunde für Patienten auf den Webseiten www.washabich.de oder www.patientenbriefe.de und konnten so bereits knapp 40.000 Patienten helfen. Auf der Webseite finden Sie auch die detaillierten Ergebnisse der Pilotstudie sowie einen Muster-Brief des Herzzentrums Dresden.

Als erste Krankenversicherung bietet die Die R+V Betriebskrankenkasse (R+V BKK) die Befund-Übersetzungen als Service an. Um in Zukunft alle Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt mit einem verständlichen Entlassbrief zu versorgen, muss der Patientenbrief aber massentauglich werden. Als Weiterentwicklung des Pilotprojekts hat „Was hab‘ ich?“ eine Software entwickelt, die individuelle Patientenbriefe automatisch anhand der Daten im Krankenhaus-Informationssystem erstellt. Die Software zur automatisierten Erstellung wird seit Juni 2019 am Herzzentrum Dresden produktiv eingesetzt und evaluiert. Ab Juni 2019 erhalten Patienten im Herzzentrum Dresden die ersten vollständig automatisch erstellten Patientenbriefe. Das Projekt wird durch den Innovationsfonds der Bundesregierung gefördert und wissenschaftlich evaluiert. „Was hab‘ ich?“ ist zudem bereits im Gespräch mit weiteren Kliniken und Klinikkonzernen, so dass die Software – angepasst an die jeweils vorhandenen Daten, Strukturen und IT-Systeme in der Klinik – in naher Zukunft auch in weiteren Häusern eingesetzt wird.

Perspektivisch soll die Software an jeder Klinik eingesetzt werden können. Sie ermöglicht ohne Mehrbelastung für Ärzte genau das, was auch die Gesundheitsminister fordern: verständliche Patientenbriefe für jeden Patienten.

Umgang mit Gesundheitsinformationen: Für viele ein Problem

Der Umgang mit Gesundheitsinformationen stellt für mehr als die Hälfte aller Deutschen (54,3 %) ein Problem dar. [1]

Dazu gehören unter anderem auch vermeintlich einfache Dinge wie die Identifikation des Untersuchungstermins auf einem Terminzettel oder das Erkennen individuell relevanter Informationen auf einem Informationsblatt, beschreibt es die Untersuchungsleiterin Doris Schaeffer im Deutschen Ärzteblatt.

Im Rahmen ihrer Studie gab fast die Hälfte der Befragten an, schon mindestens einmal Informationen und Anweisungen zur Therapie von Ärzten (42 % vom Hausarzt und 48 % vom Fachspezialisten) nicht verstanden zu haben. [2]

[1] Schaeffer D et al..Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Bielefeld, 2016
[2] Schaeffer D et al. Health Literacy in the German Population−Resultsofarespresentativesurvey. DtschÄrztebl Int 2017; 114(4): 53-60.