Vom Oberarzt zum Chefarzt: Lohnt dieser Weg heutzutage überhaupt noch?

Was sollte der Oberarzt als Chefarzt in spe bedenken und womit muss er rechnen, wenn die weitere Karriere auf eine Chefarzt-Position führen soll? Und was kann er von den Erfahrungen anderer lernen, die diesen Weg bereits gegangen sind? Dieser Beitrag beleuchtet nicht die formalen Eingangshürden, sondern die rein „praktischen“ Voraussetzungen, die ein künftiger Chefarzt mitbringen sollte.

Abrechnung mit Faktor 10 – das waren Zeiten …

Wie haben sich die Zeiten doch geändert: Es ist nur ein paar Jahre her, da war es in der Medizin das Ziel der meisten Jungärzte, später einmal Chefarzt im Krankenhaus zu sein. Die Abrechnung der Chefarzt-Leistung mit dem Faktor 2,3 oder 3,5 war nicht überall die Regel; Chefärzte an größeren (Universitäts-)Kliniken rechneten mit bis zum Faktor 10 ab – „besonders schwierig, besonders aufwendig, besonders ungünstige Zeit“ usw. lauteten die Begründungen.

Während der allseits geachtete Chefarzt à la Prof. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik dem Klischee des „Halbgott in weiß“ entsprach, sind diese Zeiten inzwischen passé. Heutzutage wird der Chefarzt regelmäßig zum kaufmännischen Direktor zitiert und mit den Zahlen seiner Abteilung konfrontiert: „Ihr Case-Mix-Index ist zu niedrig, die Liegezeiten sind immer noch 20 Prozent über InEK, und Sie tragen nicht genug zum Erlös bei“, bekommt da so mancher Chefarzt zu hören – und schon ist sein Bonus dahin.

Vom Chefarzt wird die Quadratur des Kreises erwartet

Vom Chefarzt neuer Prägung wird in der heutigen Zeit so viel erwartet, dass es fast schon der Quadratur des Kreises gleicht. Er soll

  • als leitender Arzt Maßstäbe setzen,
  • in vollem Umfang klinisch tätig sein,
  • die Privatpatienten – die „Cashcows“ der Krankenhäuser – umsorgen,
  • sich in der Aus-, Fort- und Weiterbildung engagieren,
  • seine Abteilung erfolgreich führen und
  • sie nach außen attraktiv vermarkten.

PRAXISHINWEIS | Diese sich widersprechenden Anforderungen verlangen Stressresistenz und sollten von Oberärzten, die die Chefarzt-Position anstreben, nicht unterschätzt werden. Hinzu kommt die Sandwich-Position des Chefarztes, der „von oben“ dem Druck der Geschäftsleitung ausgesetzt ist und „von unten“ dem Druck der eigenen Abteilung, besonders aus der Schicht der Oberärzte. Von der „Seite“ schließlich drückt der Konkurrenzkampf mit einigen Chefarzt-Kollegen – gerade wenn sich Fachgebiet und Ressourcenbedarf überschneiden.

Die Problemfelder der Chefarzt-Position

Es stellt sich zudem völlig zu Recht die Frage, wie die umfangreichen Verwaltungsaufgaben bewältigt werden sollen, wenn man der Typ Chefarzt ist, der sich die meiste Zeit um Patienten kümmert. Mancher verbringt seine Tage mit dem Operieren, ohne zu merken, dass seine Abteilung derweil aus dem Ruder läuft. Personalpolitik ist zeitraubend, aber ohne sie geht es nicht. Was soll man tun? Delegieren geht nicht immer, und stetige Überstunden wirken sich auch nicht positiv auf die Leistungsfähigkeit aus.

Vorwürfe wegen der Bonusregelungen des Chefarztes

Ein weiteres Problemfeld sind die modernen Anreizsysteme aus der Wirtschaft, die im Krankenhaus Einzug gehalten haben und die in der Öffentlichkeit am Pranger stehen. Die Vorwürfe betreffen in erster Linie Chefärzte: Führen bestimmte Bonusvereinbarungen zu unnötigen, medizinisch nicht gerechtfertigten Operationen? Werden neue, nicht ausreichend geprüfte Eingriffe vor allem aus finanziellen Motiven durchgeführt?

Diesen Vorwürfen, die auch von Patienten erhoben werden und das ärztliche Selbstverständnis betreffen, wird sich jeder Oberarzt stellen müssen, der sich auf dem Weg zum Chefarzt befindet.

Harte Bandagen bei wirtschaftlichen Fragestellungen

Gerade auf der wirtschaftlichen Ebene einer Klinik wird mit harten Bandagen gekämpft. Zeitverträge, Zielvereinbarungen und Bonussysteme aufgrund von „Balanced Scorecards“ sorgen für ständige Spannung. Der Chefarzt, der sich immer noch in erster Linie als Arzt sieht, muss sich auch in dieser Welt behaupten bzw. darin überleben. Inzwischen gibt es Chefärzte, die – obwohl sie hervorragende Kliniker und integre Persönlichkeiten sind – den Rückzug angetreten haben und auf ihre Oberarzt-Stelle zurückgekehrt sind.

PRAXISHINWEIS | Wenn Sie als Oberarzt auf eine Chefarzt-Position berufen werden, sollten Sie versuchen, sich zunächst einmal als Oberarzt beurlauben zu lassen. So halten Sie sich eine Hintertür offen, falls Ihre Erwartungen an die neue Stelle nicht erfüllt werden können.

Als Oberarzt hingegen hat man immer noch den Chef über sich, der dem Druck unmittelbar ausgesetzt ist. Viele Chefärzte versuchen zwar, sich den Stress mit der Geschäftsleitung nicht anmerken zu lassen, um in ihrer Abteilung das „Gesicht zu wahren“. Doch manchmal verlieren sie hierdurch an Authentizität und Glaubwürdigkeit bei ihren Mitarbeitern.

PRAXISHINWEIS | Gerade bei der Neueröffnung von Abteilungen oder Zentren hat die Geschäftsführung hohe Erwartungen an die Ärzteschaft. Sind Sie hier in verantwortlicher Position, sollten Sie von Anfang an auf eine gute Ausstattung von Personal- und Sachmitteln achten. Auf ein „Fangen Sie erstmal an zu arbeiten, wenn es läuft, sehen wir, was Sie wirklich an Mitarbeitern und Geld brauchen“ sollten Sie sich nicht einlassen.

Erfolgsfaktoren für künftige Chefärzte

Aber wo Schatten ist, muss auch Licht sein. Trotz aller Umwälzungen weisen Chefärzte in Zufriedenheitsanalysen unter Ärzten immer noch die höchsten Werte auf, vor Oberärzten und Niedergelassenen. Offenbar scheint das Plus an Status und Gehalt für viele Chefärzte am Ende doch die Mühe zu lohnen – zumal nicht an jedem Tag die Geschäftsführung zum Gespräch bittet.

Wahl des Fachgebiets stellt Weichen

Eine glückliche Hand bei der Wahl der Subspezialisierung hat der, dessen eigene klinische Fähigkeiten gerade nachgefragt werden. Das gilt vor allem zum Zeitpunkt der Bewerbung, denn die Dinge ändern sich schnell: Konkurrenten tauchen auf, Krankenkassen reduzieren die Erlöse oder ändern andere Abrechnungsmodalitäten – und schon wandelt sich die Situation grundlegend. Wenn das passiert, sollte man schon fest im Sattel sitzen.

Welche Disziplin bietet besondere Erfolgschancen? In den letzten Jahren waren Mammachirurgie (Zentrenbildung), Pränatalmedizin mit speziellen Ultraschallkenntnissen (DEGUM III), Pulmologie mit Spezialisierung auf Weaning und Bronchoskopie sowie interventionelle Radiologie bzw. Neuroradiologie auf der Gewinnerseite – nicht aber etwa Neonatologie (zu wenig Frühgeborene), Unfallchirurgie (Konkurrenz) und allgemeine Gynäkologie (Verlagerung in ambulante Zentren, Rückgang der Hysterektomien). Solche Entwicklungen sind kaum vorherzusagen.

Viele Patienten – wenig Konkurrenz als Erfolgsrezept?

Günstig ist es auch, wenn es viele potenzielle Patienten für die angebotenen Therapien gibt und möglichst wenig Konkurrenz. Ganze Krankenhausabteilungen werden heute aufgrund von Angebot und Nachfrage eröffnet, fusioniert oder wieder geschlossen. Das Management steuert mal in Richtung Zentrenbildung, dann wieder zurück zur Dezentralisierung. Das Ansehen der Chefärzte jedoch steht und fällt mit dem wirtschaftlichen Erfolg ihrer Abteilung. Diesen können sie nur eingeschränkt beeinflussen, da die Variablen zahlreich und veränderlich sind.

Im Gegensatz zu BWL- und MBA-Abschlüssen zahlloser Fachhochschulen sind Abschlüsse renommierter Business Schools durchaus ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Chefarzt-Position. Doch die sind sehr teuer und lassen sich selten nebenbei erwerben. Deren Absolventen zieht es zumeist gleich ins Top-Management oberhalb jeder Krankenhaushierarchie. Da sich viele Entwicklungen kurzfristig ändern, die Karriereplanung aber eine mittel- bis langfristige Angelegenheit ist, braucht man sicher auch eine gute Portion Glück, um im entscheidenden Moment das richtige Blatt zu haben.

FAZIT | Die Anforderungen an (junge) Chefärzte sind enorm, die Arbeitsbelastung und der Stress mit nichtmedizinischen Fragen setzen vielen besonders zu. Auf der Habenseite stehen – im Vergleich zum Oberarzt – die Reputation und das höhere Gehalt; allerdings sind die Spitzenverdienste früherer Jahre längst passé, da der frischgebackene Chefarzt nur selten privat liquidieren darf.