Raus aus der Klinik – rein in die Praxis, Teil 4: So gelingt die Finanzierung der eigenen Praxis

von Thorsten Koch, Commerzbank AG, Hannover, und Fachanwalt für MedR Rainer Hellweg, armedis Rechtsanwälte, Hannover, www.armedis.de

| Sie möchten der Klinik den Rücken kehren, sich niederlassen und eine Arztpraxis neu gründen oder erwerben? Jede Investition will wohl überlegt und gut geplant sein. Und häufig benötigen Sie für Ihr Investitionsvorhaben eine passende Finanzierung, die nicht nur zu Ihrem Vorhaben, sondern idealerweise zu Ihrer individuellen Gesamtsituation passt. |

Finanzierungsfragen auf dem Weg zur Selbstständigkeit

Insbesondere der Schritt in die eigene Praxis ist für viele Ärzte der erste Anlass, sich mit dem Thema Finanzierung auseinanderzusetzen. Dabei stehen immer wieder Fragen im Raum, wie beispielsweise:

  • Warum kann mir die Bank nicht einfach einen Zinssatz nennen, zu dem ich die benötigte Finanzierung abschließen kann?
  • Warum benötigt die Bank so viele Informationen und Unterlagen?
  • Warum erstellt die Bank ein Rating – und was ist das überhaupt?

Viele Kunden sind unsicher, wie eine Finanzierungsberatung abläuft und zu welchem Zeitpunkt die Gespräche mit der Bank aufgenommen werden sollten. Oft wird es gar als lästig empfunden, sich mit dem Thema ausführlich auseinanderzusetzen. Doch der Bankberater sollte bereits in einer frühen Phase in die Gespräche eingebunden werden, denn nur so ist eine gute und bedarfsgerechte Beratung gewährleistet.

Die Erfahrung aus Sicht des Bankberaters zeigt: Nur wenn die Bank genau versteht, was dem Kunden wichtig ist und was bei der Ausgestaltung der Finanzierung zu berücksichtigen ist, kann die Zusammenarbeit zwischen Bank und dem Kunden erfolgreich sein. So gilt es, bei einer Finanzierungsberatung bereits die folgenden fünf Punkte zu beachten:

1. Verlieren Sie nicht den betriebswirtschaftlichen Blick

Die eigene Praxis erfolgreich aufzubauen bzw. zu führen ist – wie bei jeder anderen unternehmerischen Tätigkeit – auch für niedergelassene Ärzte besonders wichtig und erfordert zunehmend umfangreiches betriebswirtschaftliches Know-how – insbesondere bei der Finanzierungsberatung im Rahmen von Investitionsentscheidungen in die eigene Praxis. Auf Heilberufe spezialisierte Geschäftskundenberater können zum Beispiel bei der Commerzbank über ein Informationssystem zugreifen auf über 2.000 Analysen von Praxen und Unternehmen sowie auf aktuelle ökonomische Daten und Fakten aus wesentlichen Teilen der Gesundheitsbranche. Solche Informationssysteme bieten dem Bankberater die nachfolgenden Funktionen:

  • Mit den Daten zur Bedarfsplanungssituation lassen sich wertvolle Informationen zum Versorgungsgrad und zu freien Arztsitzen abfragen.
  • Mit einem integrierten Praxiswertrechner lässt sich der betriebswirtschaftliche Wert einer zum Erwerb vorgesehenen Praxis ermitteln.
  • Die Analyse der Daten der zum Kauf vorgesehenen Praxis im Vergleich zum Wettbewerb deckt eventuelle Optimierungsmöglichkeiten auf.

Daneben sollte hier auch geklärt werden, wie sich die geplante Investition auf die Liquiditätsplanung auswirkt. Das ist wichtig, um neben der eigentlichen Investitionsfinanzierung auch einen ausreichend bemessenen Kreditrahmen auf dem Praxiskonto zu berücksichtigen, um mögliche Liquiditätsüberschneidungen von Einnahmen und Ausgaben abfedern zu können.

2. Stimmen Sie private mit beruflichen Finanzen ab

Verlieren Sie Ihre privaten Wünsche und Ziele nicht aus den Augen. Vielleicht spielen Sie mit dem Gedanken, schon bald eine private Immobilie zu erwerben oder Ihr Eigenheim zu modernisieren bzw. auszubauen? Wann möchte ich was umsetzen? Welche Weichen kann ich jetzt schon stellen, um meine Ziele bestmöglich zu erreichen? Diese Fragen sollten Sie sich vor jeder großen Investition stellen. Nur so haben Sie Ihr gesamtes Budget im Blick.

3. Zinsvariante mit dem geringsten Risiko wählen

Beim Thema Zinsen sollten Sie vor allem drei Varianten beachten:

  • Der Festzinssatz bietet die Planungssicherheit, da sich der vereinbarte Zinssatz während der Zinsfestschreibungszeit nicht ändert. So ist der Kreditnehmer vor Zinserhöhungen geschützt, kann allerdings auch nicht von möglichen Zinssenkungen profitieren. Der Festzinssatz eignet sich also vor allem in Zeiten eines vergleichsweise niedrigen Zinsniveaus bei mittel- und langfristig zu erwartenden Zinserhöhungen (aktuelle Situation).

  • Optional können Festzinssätze mit Sondertilgungsmöglichkeiten vereinbart werden. So ist es möglich, während der Darlehenslaufzeit außerplanmäßige Sondertilgungen vorzunehmen, die wahlweise zu einer Reduzierung der monatlichen Belastung oder zu einer Verkürzung der Darlehenslaufzeit genutzt werden können.

  • Der variable Zinssatz bietet höchste Flexibilität, da Sondertilgungen in der Regel zu jedem Zinstermin möglich sind. Der Zinssatz wird jedoch regelmäßig an das sich verändernde Zinsniveau angepasst und bietet somit sowohl Chancen als auch Risiken. Die variable Verzinsung ist in Zeiten eines fallenden Zinsniveaus sinnvoll.

4. Unterschiedliche Tilgungsvarianten beachten

  • Bei der sogenannten linearen Tilgung verringert sich die Gesamtbelastung im Zeitablauf, da die Tilgungen gleich bleiben, die Zinsanteile jedoch durch die sich verringernde Restschuld sinken.
  • Bei der annuitätischen Tilgung bleibt die monatliche Gesamtbelastung während der Darlehenslaufzeit konstant. Im Zeitverlauf verringert sich der Zinsanteil durch die abnehmende Restschuld; der Tilgungsanteil steigt progressiv.

  • Das endfällige Darlehen wird erst am Ende der Laufzeit in einer Summe zurückgeführt. Hierfür wird in der Regel ein separat anzusparendes Tilgungssurrogat eingesetzt – wie zum Beispiel ein Wertpapier-Sparplan oder Bausparverträge.

PRAXISHINWEIS | Da unterschiedliche Zins- und Tilgungsvarianten auch steuerliche Aspekte berühren, Banken jedoch keine steuerrechtliche Beratung durchführen, sollten Sie bei Ihren Planungen auf jeden Fall frühzeitig einen Steuerberater mit hinzuziehen.

 

5. Bedeutung des Ratings verstehen

Was jetzt noch fehlt, ist die Zusage der Bank, die Finanzierung zu begleiten und die entsprechenden Kreditmittel in der gewünschten Konstellation zur Verfügung zu stellen. Basis dieser Entscheidung ist ein sogenanntes Rating:

Das Rating (englisch für „Bewertung“ oder „Einschätzung“) ist die Prognose der Fähigkeit eines Kreditnehmers, seinen Verpflichtungen aus dem Kreditvertrag nachzukommen. Aus einer Vielzahl von Informationen des einzelnen Kunden wird durch mathematisch statistische Verfahren eine Kennzahl ermittelt, welche die sogenannte Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kredits darstellt und mit in die Kreditentscheidung einfließt.

Dies ist auch der Grund dafür, dass die Banken erst dann eine finale und belastbare Angabe zum Darlehenszinssatz geben können, wenn die Finanzierungsstruktur geklärt und das Rating durchgeführt wurde. Das maschinell ermittelte Rating fließt zwar in die Kreditentscheidung ein, doch auch die persönliche Einschätzung des Bankberaters fließt in die Entscheidung über die Gewährung des Kredits mit ein. Letztlich entscheidet also immer noch der Mensch – und nicht die Maschine.

Weiterführende Hinweise

  • Dieser Beitrag ist der vierte der Serie „Raus aus der Klinik – rein in die Niederlassung“ und schließt sie damit ab.