Der Physician Assistant: Billiger Arzt oder wertvolle Zusatzkraft?

Physician Assistants (PA) finden sich in immer mehr Krankenhäusern – aktuell sind etwa 350 PA in deutschen Kliniken tätig. Somit sollte sich auch der Oberarzt mit den neuen Kollegen befassen und wissen, wo diese eingesetzt werden können. Im Idealfall kann sich der Oberarzt in Ruhe um seine Patienten kümmern, während ihm der PA administrative Aufgaben abnimmt und delegierbare Aufgaben eigenständig erledigt. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Physician Assistants (PA) finden sich in immer mehr Krankenhäusern – aktuell sind etwa 350 PA in deutschen Kliniken tätig. Somit sollte sich auch der Oberarzt mit den neuen Kollegen befassen und wissen, wo diese eingesetzt werden können. Im Idealfall kann sich der Oberarzt in Ruhe um seine Patienten kümmern, während ihm der PA administrative Aufgaben abnimmt und delegierbare Aufgaben eigenständig erledigt. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Physician Assistant: Was ist das?

Der PA ist ein medizinischer Assistenzberuf, der vor allem in englischsprachigen Ländern etabliert ist. Der Arzt überträgt ihm delegierbare Aufgaben, wobei der PA dem ärztlichen Dienst unterstellt ist. Die deutschen Bezeichnungen sind „Arztassistent“ oder „Medizinassistent“. Im Vergleich zu Weiterbildungsassistenten rotiert der PA nicht von Station zu Station, sondern bleibt dauerhaft auf derselben Station und ist damit stetiger Ansprechpartner für den Arzt. Eingesetzt wird er beispielsweise bei der Dokumentation, bei koordinierenden Tätigkeiten und bei der Patientenaufklärung.

Aufgabengebiete von Physician Assistants

Nach Ansicht von Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung stellen sich die ärztlichen Aufgabengebiete des PA wie folgt dar:

1 Mitwirkung bei der Erstellung der Diagnose und des Behandlungsplans
2 Mitwirkung bei komplexen Untersuchungen und Durchführung medizinisch-technischer Tätigkeiten
3 Mitwirkung bei der Ausführung eines Behandlungsplans
4 Mitwirkung bei Eingriffen
5 Mitwirkung bei Notfallbehandlungen
6 Adressatengerechte Kommunikation
und Info-Weitergabe
7 Prozessmanagement und Teamkoordination
8 Unterstützung bei der Dokumentation

Keine Lösung des Ärztemangels

Der Umstand, dass der PA an ärztlichen Tätigkeiten lediglich „mitwirkt“, zeigt deutlich, dass er kein „vollständiger“ Arzt ist – und auch nicht sein kann. Denn ein sechssemestriges Bachelor-Studium, das meist nebenberuflich absolviert wird (vgl. etwa das Konzept des dualen Studiengangs der Steinbeis-Hochschule unter http://www.steinbeis-pa.de/aktuell.html), kann niemals die Tiefe und Breite eines Medizinstudiums bieten. Der duale Studiengang der Steinbeis-Hochschule beispielsweise setzt voraus, dass der Student etwa in einem Klinikum beschäftigt ist und dort das Gelernte sofort in die Praxis umsetzen kann. Das PA-Studium setzt sich aus Vorlesungszeit, Selbstlernzeit, Studienarbeiten und Praxis zusammen – zeitlich macht jedes Element etwa ein Viertel aus.

[!] Physician Assistants allein werden die Personalprobleme im deutschen Gesundheitswesen wegen des begrenzten Aufgabengebiets nicht beheben können. Was benötigt wird, sind in erster Linie Ärzte und Pflegekräfte.

Werden PA jedoch zusätzlich eingestellt, können sie durchaus Ärzte und Pflege als Bindeglied entlasten. Doch bereits die geringe Zahl an PA von derzeit etwa 350 in ganz Deutschland zeigt, dass die Entlastung – zumindest bislang – allenfalls punktuell sein kann. Hinzu kommt eine weiterhin vorhandene Skepsis bei vielen Ärzten und Pflegern.

Nur Umdenken in der Chefetage macht Kliniken attraktiv

Statt jedoch werbewirksam PA einzustellen, sollten sich Kliniken (auch) überlegen, wie sie ihr Haus für nachrückende Ärzte attraktiv machen können – etwa, indem sie die berühmte Work-Life-Balance nicht nur auf Hochglanzbroschüren oder auf der Homepage bewerben, sondern im Klinik-Alltag leben. Dazu sollte gehören, dass nicht zuallererst Teilzeitkräfte in Ambulanzen und am Wochenende arbeiten (müssen), sondern dass diese dieselben Arbeits- und Aufstiegsmöglichkeiten wie Vollzeitkräfte bekommen – je nach Arbeitsergebnis.

Zudem sollte eine längere Elternzeit – gerade auch bei Männern – nicht als Karriereknick verstanden, sondern von der Klinikgeschäftsführung oder dem Chefarzt positiv gesehen werden. Denn wer als Mann Verantwortung für die Familie übernimmt, ist hervorragend geeignet, dies auch für seine Patienten zu tun.

Bietet das Klinikum durchdachte flexible Arbeitszeitmodelle an, und müssen sich Vollzeit-tätige Ärzte nicht an überzogene und tradierte Präsenzerwartungen richten und versteht sich der Chefarzt als Förderer der ihm unterstellten Ärzte, dann kann das Klinikum im nächsten Schritt erwägen, Physician Assistants einzustellen. So verstanden, können sich PA zu einem wirklichen Wettbewerbsvorteil für das Klinikum entwickeln, die auch Oberärzten den Spaß an der Arbeit zurückbringen.

Eine zusätzliche Ebene schließt die Lücke

Im Vergleich zur ärztlichen Tätigkeit vor 30 Jahren hat in Kliniken eine starke Arbeitsverdichtung stattgefunden: Wo der Patient in Zeiten des Selbstkostendeckungsprinzips schon mal eins, zwei Tage länger auf Station behalten wurde, müssen in Zeiten von DRG’s möglichst viele Patienten möglichst schnell behandelt werden. Zudem sind Anforderungen an Aufklärung, Qualitätsmanagement und Dokumentation deutlich gestiegen, sodass für den einzelnen Patienten immer weniger Zeit bleibt – für den Arzt wie für die Pflegekraft.

In diese Lücke kann im Idealfall der Physician Assistant springen. Denn an ihn kann der gestresste Arzt Leistungen delegieren, die er selbst mangels Zeit kaum mehr mit Hingabe selbst erbringen kann, an die Pflegekräfte jedoch nicht delegieren darf. Hingegen ist die Durchlässigkeit zwischen Arzt und Pflege zu gering bzw. der „kompetenzielle“ Abstand zu groß, als dass zwischen diesen beiden Berufsgruppen eine größere gegenseitige Entlastung möglich wäre.

Ergänzung, nicht Konkurrenz zu Ärzten

In Konkurrenz zu Ärzten treten PA hingegen kaum: So ist beispielsweise in der Inneren Medizin die invasive Untersuchung ebenso eine Kerntätigkeit von Ärzten wie die primäre Diagnosestellung. Die Anamneseerhebung etwa bei Notfallpatienten gehört ebenfalls in die Hände erfahrener Ärzte.

Und auch zu akademischen Pflegeberufen treten PA nicht in direkte Konkurrenz, da erstere regelmäßig in der Verwaltung und im Bereich der Pflegewissenschaft arbeiten – und nicht mit der Versorgung der Patienten beschäftigt sind.

Fazit

Physician Assistants können für in Kliniken tätige Ärzte und damit auch für Oberärzte eine wirksame Ergänzung bei delegierbaren Leistungen bilden. Sie müssen jedoch angeleitet und überwacht werden. Ein Vorteil ist die dauerhafte Ansprechbarkeit für den Arzt, da der PA in der Regel fest einer Station zugeordnet ist. Schon aus rechtlichen Gründen dürfen PA auch von Klinikgeschäftsführungen niemals als Ersatz, sondern müssen als Ergänzung für Arzt und Pflegekraft angesehen werden.

Entwickelt eine Klinik ein kluges Konzept für den Einsatz von PA und setzt dieses effektiv um, kann diese Entlastung für potenzielle ärztliche Bewerber sehr attraktiv sein.