Tätigkeiten für Beruf und Familie lassen sich nicht vereinbaren, sondern lediglich addieren

von Alexandra Buba M. A., freie Wirtschaftsjournalistin, Fuchsmühl

Die überbordenden Arbeitszeiten von Krankenhausärzten stehen seit Jahren in der Kritik. Besonders problematisch wird dies für Medizinerfamilien mit jüngeren Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Die Hälfte der Ärzteschaft findet hierfür keine Lösung. Daneben stellt z. B. der Marburger Bund ein Krankenhausregister zur Verfügung, mit dem Ärzte für jedes Bundesland herausfinden können, welche Krankenhäuser etwa flexible Arbeitszeiten, Möglichkeiten der Kinderbetreuung etc. anbieten. 

Wie lange arbeiten Ärzte in deutschen Krankenhäusern?

Ärzte in deutschen Krankenhäusern arbeiten zu lange – bei dieser pauschalen Aussage hört die Einigkeit dann aber auch schon auf. Denn wie lange genau, das ist durchaus umstritten. So gibt die Deutsche Krankenhausgesellschaft eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 46,1 Stunden für Vollzeitangestellte an. Lediglich 7,6 Prozent der jungen Mediziner würden mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten. Dagegen vermeldet die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, dass drei Viertel der Ärzte im Durchschnitt mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten.

47 Prozent erklärten in einer Umfrage, dass ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit inklusive Überstunden und Bereitschaftsdienste im Durchschnitt zwischen 49 und 59 Stunden liegt. Ein Viertel (24 Prozent) der Ärzte ist pro Woche 60 bis 79 Stunden im Dienst und drei Prozent der Ärzte arbeiten sogar durchschnittlich mehr als 80 Stunden pro Woche. Mehr als die Hälfte der Krankenhausärzte (53 Prozent) verneinten die Frage, ob sämtliche Arbeitszeiten systematisch erfasst werden, 47 Prozent bejahten diese Frage. Jeder fünfte Arzt (21 Prozent) erklärte, dass seine Überstunden weder vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen werden.

Wissenschaftliche Untersuchungen wie die von Dr. Judith Rosta schließen sich eher der Einschätzung der Krankenhausgesellschaft an. Doch selbst 46 Stunden Wochenarbeitszeit sind mehr als genug. Deshalb stellt auch die Wissenschaftlerin eine deutliche Belastung fest, die rund ein Fünftel der Ärzte betreffe. Bei Differenzierung in medizinische Fachrichtungen falle auf, dass die Ärzte in der Chirurgie, aber auch in anderen operativen Fächern wie Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Urologie am stärksten belastet sind. Die internistischen Ärzte befänden sich im Mittelfeld. Demgegenüber hätten Ärzte der Psychiatrie, Psychotherapie und Radiologie die geringste Belastung.

Die Hälfte der Ärzteschaft findet keine Lösung

Wenn also Arbeitszeiten ein Indiz dafür darstellen, wie gut die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in einer Berufsgruppe ge- oder misslingen kann, dann sind Krankenhausärzte hier sicherlich ein extremes Beispiel. Laut einer Befragung des Marburger Bundes sieht dann auch jeder zweite Arzt keine ausreichende Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Laut Statistik der Bundesärztekammer (Stand: 31.12.2016) gab es Ende vergangenen Jahres 378.000 berufstätige Ärzte. Davon arbeiteten 194.400 als angestellte Ärzte im stationären Bereich. 18,8 Prozent der berufstätigen Ärzte sind unter 35 Jahre alt, 17,2 Prozent sind 35 bis 39 Jahre alt, weitere 23,3 Prozent unter 50 – und damit noch in einem Alter, in dem üblicherweise die Familiengründung erfolgt. Der Frauenanteil liegt bei 46,5 Prozent – Tendenz stark steigend. Die durchschnittliche Kinderzahl liegt mit 1,50 bei Ärzten geringfügig höher als im Gesamtdurchschnitt (1,48). Zusammen mit den Anforderungen des Berufs hat das Auswirkungen auf die Art der Beschäftigung.

Ein Drittel der Ärztinnen arbeitet Teilzeit

So arbeitete laut Statistischem Bundesamt von den 80.612 im Krankenhaus tätigen hauptamtlichen Ärztinnen im Jahr 2015 ein Drittel (33,8 Prozent) nicht in einem Vollzeitbeschäftigungsverhältnis, sondern war teilzeit- oder geringfügig beschäftigt. Zehn Jahre zuvor war es nur ein Viertel der Ärztinnen. Im Vergleich dazu waren im Jahr 2015 nur 12,5 Prozent der männlichen Krankenhausärzte teilzeit- oder geringfügig beschäftigt, 2005 waren es 5,3 Prozent.

Das zeigt dreierlei: Zum Ersten sind es noch immer überwiegend die Frauen, die ihre Arbeitszeit zugunsten von Carezeiten reduzieren. Unterstellt sei, dass Teilzeitarbeitsverhältnisse mehrheitlich auf diese Motivation zurückzuführen sind, was Umfragen belegen. Zum Zweiten müssen Ärztinnen ihre Arbeitszeit durch die zunehmende Belastung auf Station offenbar in größerer Anzahl reduzieren als noch in früheren Jahren. Sie verhalten sich damit gegen den Trend. Quer über alle Berufsgruppen hinweg ist der Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen seit etwa einem Jahrzehnt relativ stabil. Gegen den Trend – und das ist die dritte Feststellung – verhalten sich aber auch die Ärzte. Denn über alle Branchen hinweg gesehen arbeiteten nur neun Prozent der erwerbstätigen Männer im Jahr 2015 in Teilzeit, aber 12,5 Prozent der Ärzte.

Teilzeit heißt: deutlich über 50 Prozent

Zum Umfang der Reduzierung gibt eine Umfrage des Marburger Bundes Aufschluss: Rund ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten gibt an, dass ihr Teilzeitanteil zwischen 76 und 95 Prozent liegt. Bei den übrigen Befragten liegt er darunter, i. d. R. aber deutlich über 51 Prozent.

Teilzeitregelungen werden laut Marburger Bund i. d. R. nach Abschluss der Weiterbildung zum Facharzt gewählt, um Privatleben und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. Trotz einer Reduzierung des Stundenumfangs kämen aber viele durch Überstunden und Bereitschaftsdienste auf einen Stundenumfang in der Woche, der immer noch über der Regelarbeitszeit von 40 Stunden in kommunalen Kliniken liegt, aber erträglicher als ein Vollarbeitszeitverhältnis plus Überstunden erscheint.

9,2 Prozent der Ärztinnen sind in Elternzeit

Dass Stundenumfänge über der Regelarbeitszeit zusammen mit den Anforderungen, die die Familie stellt, zu einer erheblichen Belastung führen, ist offenkundig. Letztlich gilt: Tätigkeiten für Beruf und Familie lassen sich nicht vereinbaren, sie lassen sich lediglich addieren. Eine Ausnahme bildet lediglich die überschaubare Zeitspanne unmittelbar nach der Geburt von Kindern, wo viele in Elternzeit gehen und im Beruf pausieren. Laut Mikrozensus tun dies aktuell rund 10.000 der 114.000 Krankenhausärztinnen. Das entspricht 9,2 Prozent. Eine Ausweisung der Quote bei den männlichen Ärzten ist aufgrund der kleinen Fallzahlen nicht möglich. Nicht alle Arbeitgeber sind indes gleichermaßen erfreut, wenn ihre Beschäftigten Elternzeit in Anspruch nehmen.

Datenbank für familienfreundliche Krankenhäuser

Der Marburger Bund bietet ein Krankenhausregister an, mittels dessen Ärzte für jedes Bundesland herausfinden können, welche Krankenhäuser z. B. flexible Arbeitszeiten, Möglichkeiten der Kinderbetreuung, Wiedereinstiegsprogramme oder Familienpflegezeit anbieten. Den Link dazu finden Sie unter www.familienfreundliches-krankenhaus.de. Das hilft zwar nicht weiter, wenn die Familiengründung bereits begonnen hat, kann aber bei der Wahl des passenden Arbeitgebers hilfreich sein.

PRAXISHINWEIS | Grundsätzlich sind Ärzte durch ihre unregelmäßigen und umfangreichen Arbeitszeiten im Krankenhaus mehr als andere Berufsgruppen gezwungen, das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie langfristig vorab in den Blick zu nehmen und zu planen. So könnten im Dienstvertrag z. B. auch zusätzliche Leistungen des Arbeitgebers wie die Übernahme von Kosten zur Unterbringung und Betreuung von nicht schulpflichtigen Kindern vereinbart werden, rät die Gewerkschaft Marburger Bund.

Unterstützungssystem Großeltern

Die berufsübergreifende Erfahrung zeigt aber auch, dass die institutionelle Betreuung oft an ihre Grenzen gelangt – insbesondere dann, wenn Krankheit oder ein Notfall zur Flexibilität zwingen. Bei der Kinderbetreuung spielen dann die Großeltern eine entscheidende Rolle. Das belegt eine Umfrage des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg. Demnach stehen Großeltern bei der Betreuung nach den Eltern und den staatlichen Einrichtungen an dritter Stelle. 50 Prozent der befragten Eltern von zweijährigen Kindern gaben an, dass die Großeltern diese regelmäßig betreuen.

Da in Deutschland das Netz der Betreuungsmöglichkeiten nicht so stark ausgebaut ist wie etwa in Frankreich oder den skandinavischen Ländern, nehmen Großeltern hierzulande die Enkel in den Ferien selbstverständlich mehrere Wochen zu sich oder überbrücken die Zeit zwischen Kitaschluss und Schichtende. Insbesondere alleinerziehende Ärzte sind auf die Unterstützung der Großeltern angewiesen. Auffällig ist in der Bamberger Umfrage, dass häufiger Teilzeit- als Vollzeiterwerbstätige die Hilfe der eigenen Eltern in Anspruch nehmen.